Beschaffung mit Zählerblick

Spezial

Smart - Meter Das Stadtwerk Haßfurt leistet Pionierarbeit und kann dank Smart Metering jetzt auch den Energieeinkauf optimieren. Mit Lastprofil-Clustering lässt sich nicht nur dieser aufgrund genauerer Mengenprognose besser steuern, durch Lastverlagerung mittels entsprechender Tarife reduzieren sich auch die Beschaffungskosten.

04. Oktober 2011

Bereits 2008 hat die Stadtwerk Haßfurt GmbH mit dem bundesweit ersten flächendeckenden Rollout von Smart Metern für Aufsehen gesorgt: Bis Ende 2010 hat das Energieversorgungsunternehmen (EVU) alle versorgten Haushalte mit 10.000 intelligenten Stromzählern der EVB Energy Solutions ausgestattet, die via Powerline-Kommunikationstechnik (PLC) angebunden sind.

Die Smart Metering-Systeminfrastruktur wurde über die Meterus-Middleware für das Meter-Data-Management an das Abrechnungssystem angebunden. So konnte für 2009 bereits die erste automatisierte Jahresendabrechnung erstellt werden – ein Meilenstein in der Prozessumstellung, der dem Stadtwerk nicht nur Zeit, sondern auch Kosten spart.

Diesen Effekt will der Energieversorger auch im Multi Utility-Einsatz fortsetzen: »Nachdem die Jahresendabrechnung 2009 für Strom dank automatisierter Prozesse viel einfacher und effizienter abgelaufen ist, wollen wir auch bei Gas und Wasser auf einen durchgängig automatisierten Abrechnungsprozess umstellen«, gibt Norbert Zösch, Geschäftsführer des Stadtwerk Haßfurt, das Ziel vor.

Beschaffung im Blick

Nach einem erfolgreichen Pilottest setzt der Energieversorger seit Anfang des Jahres daher Smart Metering ganzheitlich über alle Sparten ein. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werden in allen Haushalten im Versorgungsgebiet intelligente Gas- und Wasserzähler installiert – insgesamt 5.000 weitere Messstellen.

Neben dem Funktionieren der Smart Metering-Infrastruktur und der IT-Anbindung über alle Sparten hinweg sind vor allem die positiven Effekte in der Prozessoptimierung ausschlaggebend dafür, dass das Stadtwerk Haßfurt jetzt noch einen Schritt weiter geht als intelligente Zähler zu verbauen und variable Tarife anzubieten.

»Smart Metering ist dann effektiv, wenn alle Prozesse entlang der Wertschöpfungskette automatisch ablaufen. Deshalb wollen wir nicht nur unsere Abrechnung optimieren, sondern auch unsere Beschaffung«, so der Stadtwerkchef.

»Smart Meter sind die Grundlage, um überhaupt kundenindividuell beschaffen zu können«, so Rolf Benken, Geschäftsführer bei EVB Energy Solutions. »Auch wenn das in den Berichten über die Zukunft der Energiewirtschaft gerne unterschlagen wird: Eingekauft wird heute immer noch nach dem Standardlastprofil – dem SLP. Variiert wird lediglich die Menge, und zwar auf Basis des zum Teil nur geschätzten Jahresverbrauchs.« Daraus werde eine Prognose erstellt nach der die Unternehmen dann beschaffen. Wenn diese nicht stimme, muss Ausgleichsenergie besorgt werden.

»Um differenzierte Tarife anzubieten, ist dieses System völlig ungeeignet. Aber wenn man mit Smart Metern zeitnah feststellen kann, wie ein Kunde tatsächlich verbraucht, dann kann ein EVU für diesen Kunden optimiert beschaffen.«

Besonders bemerkbar mache sich eine solche Beschaffung auf Basis der tatsächlichen Verbräuche, wenn ein Anbieter bestimmte Kundengruppen anspricht. »Das Standardlastprofil stimmt nämlich nur, wenn die Kunden alle ganz unterschiedlich verbrauchen. Sobald ein Anbieter basierend auf einer Bilanzierung nach Zählerstandsgängen anfängt, die lukrativen Kunden abzuwerben, stimmt das SLP auch für alle anderen nicht mehr.«

Cluster verringert Risiken

Bislang laufen in Haßfurt schon die Geschäftsprozesse Jahresverbrauchsablesung, Stichtagsablesung, Rechnungsstellung, Tarifwechsel sowie Leerstandsmanagement bei Umzügen automatisiert und reibungslos ab, nun sollen also auch die Einkaufsprozesse mit den dank Smart Metering gewonnenen Daten optimiert werden. Mit dieser Zielsetzung setzt der Energieversorger die Ergebnisse der vierten LBD-Studie ›Potenziale aus Beschaffungsoptimierung mit Smart Metering – Handlungsempfehlungen für Energieversorger‹ um, die die EVB auf der diesjährigen E-World vorgestellt hat.

Dazu hat der fränkische Energieversorger eine spezielle Software installiert: Sie greift auf die Meterus-Middleware zu, die die Messdaten für die jeweiligen Systemanwendungen des Energieversorgers vorhält und aufbereitet. Dank dieser Verbrauchsdaten können die Haßfurter ihre Kunden nun anonymisiert anhand ihres spezifischen Lastprofils identifizieren und zusammenfassen (Clustering).

So lassen sich zum Beispiel Standard-, Off-peak- und Peak-Cluster bilden. Mit den verschiedenen Lastprofil-Clustern können zum Beispiel Preisrisiken bei langfristiger Beschaffung sowie Mengenrisiken, die durch die Abweichung vom Ist-Verbrauch zur Prognose entstehen, minimiert werden.

»Mit diesen differenzierten Kundenverbrauchsdaten sind wir beim Energieeinkauf nicht mehr wie bisher auf Prognosen auf Basis des Standardlastprofils angewiesen, sondern können unsere Beschaffungszeiträume ändern und die eingekauften Energiemengen dem realen Verbrauch unserer Kunden anpassen. Damit sparen wir bares Geld«, so Zösch.

Die Einsparpotenziale sind dabei nicht unerheblich: Die vierte LBD-Studie rechnet zum Beispiel mit Einsparungen bei den Beschaffungskosten in Höhe von 1,05€/MWh, wenn das SLP optimiert wird. Zugrunde liegt dabei das Preisniveau im Großhandel an der Europäischen Energiebörse (EEX) von 2010 mit Durchschnittswerten von 50€/MWh (im Base-Band) und 62,50€/MWh (im Peak-Band).

Bis 350.000 Euro einsparen

Für einen Energieversorger mit 50.000 Kunden bedeutet das: Das EVU kann mit SLP-Optimierung pro Jahr 157.500€ Beschaffungskosten sparen. Mit Tarifen zur aktiven Verbrauchsverlagerung, die für rund 10% der Kunden interessant sind, können 12.900€ pro Jahr erwirtschaftet werden.

Bei off-peak-lastigen Kundensegmenten ist ein Gesamtpotenzial von 139.600€ pro Jahr zu erwarten. Die Potenzialsummen sind allerdings entscheidend davon abhängig, wie groß das jeweilige Kundensegment ist und wie stark ihr spezifisches Lastprofil vom H0-Profil abweicht.

Die in der Studie berechneten Einsparpotenziale durch Beschaffungsoptimierung verdoppeln bis verdreifachen sich sogar noch, wenn weiter steigende Einkaufspreise als realistisch angenommen werden. Dazu hat die Forschungsarbeit das hohe Großhandelspreisniveau von 2008 zugrunde gelegt.

Die Folgen sind deutlich: Zwar können mit einer SLP-Optimierung, die alle Kunden betrifft, noch 291.000€ Beschaffungskosten pro Jahr eingespart werden. Allerdings hat die Beschaffungsoptimierung bei off-peak-lastigen Kundensegmenten mit 351.000€ pro Jahr einen weitaus größeren Effekt. Auch mit Tarifen zur aktiven Verbrauchsverlagerung können bei hohen Einkaufspreisen und 10% der Kundenklientel 47.300€ pro Jahr erwirtschaftet werden.

Nimmt man noch die Reduzierung der Konzessionsabgabe hinzu, die sich bei Lastverlagerung in Schwachlastzeiten ergibt, werden zusätzlich 16.100€ pro Jahr eingespart. »Angesichts der derzeitigen Unsicherheiten bei der Energiewende gehen wir von anziehenden Preisen an der Strombörse aus. Die Prozessoptimierung im Einkauf rüstet uns also gut für die Zukunft. Dank Smart Metering können wir unseren Kunden dann weiterhin ein relativ stabiles Preisniveau und Anreize zum Energiesparen bieten«, so Zösch.

Erschienen in Ausgabe: 08/2011