Bündeln mit System

Paul-Vincent Abs von E.on Metering im Gespräch über modernes Smart Metering für wettbewerbliche Messstellenbetreiber und warum die Verzögerung bei der Zertifizierung der SGWA-Hersteller kein Nachteil für grundzuständige Messstellenbetreiber ist.

11. Oktober 2019
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Anfang September standen die BSI-Zertifikate zwei und drei für Smart Meter Gateways weiterhin aus. Wie bewerten Sie das? Gibt es etwas Gutes daran, dass das BSI sich viel mehr Zeit lässt mit den Zertifizierungsverfahren als ursprünglich angenommen? Bis Jahresende 2018 sollte alles abgeschlossen sein.

Paul-Vincent Abs: Wir gehen davon aus, dass die Markterklärung Anfang des nächsten Jahres kommen könnte. Die Verzögerung halte ich im Moment gar nicht für so dramatisch, da sich aktuell alle Stadtwerke und Energieversorger um die Mako 2020 kümmern müssen. Die neue Art der Marktkommunikation in die jeweiligen Häuser umzusetzen, erfordert viele IT-Anpassungen und auch teilweise einen sogenannten Freeze, während dem keine intelligenten Messsysteme installiert werden dürfen.

Als wettbewerblicher Messstellenbetreiber bauen wir bereits jeden Tag intelligente Messsysteme ein. Unserer Erfahrung nach besteht vor allem im B2B-Bereich, sprich im Geschäftskundenbereich, hohes Interesse. Filialisten zum Beispiel sind sehr interessiert. Auch für uns gilt: Wir lernen jeden Tag dazu. Deshalb hat es auch Vorteile, dass es im Moment einen vergleichsweise ruhigen Hochlauf gibt.

Während grundzuständige Messstellenbetreiber den Rollout intelligenter Messsysteme auf unbestimmte Zeit verschieben, bauen wettbewerbliche Messstellenbetreiber seit Jahresbeginn Smart Meter ein. Muss man sich auf einen Markt der zwei Geschwindigkeiten einstellen? Hier Grundzuständigkeit und wenig Dynamik, dort Wettbewerb und viel Dynamik?

Auch Stadtwerke sind am wettbewerblichen Messstellenbetrieb interessiert. Entweder prägen sie diese Rolle selbst aus oder schließen mit einem Dienstleister einen Vertrag für den wettbewerblichen Messstellenbetrieb. Im Hintergrund ist zum Beispiel E.on, nach vorne tritt das jeweilige Stadtwerk auf. Bezüglich der zwei Geschwindigkeiten haben Sie in Bezug auf B2B- und B2C-Kunden recht: Das intelligente Messwesen wird am Anfang eher die B2B- Kunden interessieren, da sie den sofortigen Mehrwert haben. Ihnen geht es nicht in erster Linie um Transparenz in den Verbräuchen oder um Einsparung in der Auslesung, sondern vor allem um Energiemanagement.

Gesetzesvorlagen werden immer mehr in Richtung Smart Meter gehen.

— Paul-Vincent Abs <a href="http://E.on">E.on</a> Metering

Wenn wir es allerdings tatsächlich schaffen, interessante Produkte für Privatkunden zu entwickeln, wird auch in diesem Bereich Nachfrage entstehen.

Die Bundesregierung wird bei allen Themen zur Energiewende immer stärker auf das intelligente Messsystem setzen. Gesetzesvorlagen werden immer mehr in Richtung Smart Meter gehen. Das heißt, es kommt auch über den Gesetzgeber die Notwendigkeit, die intelligenten Messsysteme einzubauen. Zugleich braucht es auch interessante Mehrwertdienste. Nur so ist der Kunde bereit, dafür Geld auszugeben.

Apropos Geld. Mit welchem Verhältnis stehen Aufwand und Nutzen beim Smart Metering, sei es B2B, sei es B2C?

Der Messstellenbetrieb wird ein knapper Business Case. Die Musik kommt durch eine zusätzliche Kunden-App, einen Mehrwert, eine Alarmfunktion oder Disaggregation.

Was könnte letzteres beispielsweise sein?

Dass man dem Kunden bestenfalls in Echtzeit mitteilt, wie viel Strom die Waschmaschine oder der Trockner verbrauchen. Grundsätzlich gilt es, aus diesen Informationen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – dort kommt dann sukzessive der Mehrwert für den Kunden her.

Wir haben in Deutschland rund 40 Millionen Haushalte. Die Hälfte davon sind Mietwohnungen. Wenn die Eigentümer ein intelligentes Messsystem nutzen, um Mehrspartenfähigkeit herzustellen, sprich Wasser und Gas anzuschließen, dann kann das in der Hausverwaltung ein sehr hoher Nutzen sein.

Das gilt auch für das Thema E-Health. Über den sicheren Datenkanal des Gateways lassen sich sensible Daten hochgesichert weiterleiten. So kann eine Kombination aus der Analyse des Stromverbrauchs und einem Hausnotruf eine bessere Betreuung von älteren Menschen zu Hause ermöglichen. Dies natürlich nur, sofern der Kunde vorher der Nutzung seiner Daten für diesen bestimmten Zweck zugestimmt hat.

Viele Smart City- oder Smart Home-Anbieter übertragen Daten per IoT-Technologie.

Sehen Sie sich die großen Datenschutzvorfälle bei Telekommunikationsunternehmen oder in den sozialen Medien an, die es in der Vergangenheit gab: Eines Tages wird es dem Kunden etwas wert sein, dass er eine sichere Verbindung in Form des intelligenten Messsystems hat. Im Moment gibt es hier noch viele Vorbehalte, doch wenn der Rollout eines Tages richtig läuft, werden die Kunden den Mehrwert erkennen.

VITA

Paul-Vincent Abs

Seit 2016 Geschäftsführer E.on Metering

Zusätzlich seit 2017 Geschäftsführer E.kundenservice Netz

Abs ist seit 2000 in verschiedenen leitenden Positionen in der Energiebranche tätig, davon 17 Jahre bei E.on.

Sobald das intelligente Messsystem einmal eingebaut ist, funktioniert es unserer Erfahrung nach einwandfrei. Deutschlandweit gibt es rund acht Millionen intelligente Messsysteme als Pflichteinbaufälle. Angenommen, man würde die Systeme übergreifend einbauen, also auch unterhalb der Verbrauchsgrenze von 6.000 kWh jährlich, erhielte man eine Technologie, die die Prozesse innerhalb der Energiewirtschaft sowie zum Kunden komplett verändern würde.

Was zeigt E.on Metering auf den Metering Days im Oktober in Fulda?

Zum einen zeigen wir unser Angebot als Dienstleister im Bereich von Gateway-Administration und Meter- Data-Management für Stadtwerke, Energieversorger und andere Messstellenbetreiber.

Ferner präsentieren wir unser Komplettpaket für den wettbewerblichen Messstellenbetrieb, das heißt von der Montage über die Gateway-Administration bis hin zur LTE- und PLC-Kommunikation sowie Abrechnung.

Zudem arbeiten wir weiterhin an der Entwicklung unseres sogenannten Ultra-High-Frequency-Zählers, kurz UHF- Zähler. Er überträgt 8.000 Impulse pro Sekunde. Heute ist bei den regulären intelligenten Messsystemen ein Impuls pro Sekunde üblich. Man hat also mit UHF-Zählern eine ganz andere Granularität.

Sprich, es können deutlich mehr Informationen übertragen werden.

Richtig. Diese feinen Messwerte machen es möglich, einzelne Geräte und Maschinen im Unternehmen detailliert analysieren zu können, sodass beispielsweise besser abgeschätzt werden kann, wann die Wartung sinnvoll ist. hd

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 5 bis 44