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Management

Studie - Neue Bestimmungen, neue Themen wie Smart Metering oder ein verschärfter Wettbewerb werden auch künftig für gute Geschäfte der Beratungsunternehmen in der Energiebranche sorgen. Aber mit zunehmender Komplexität steigt auch der Druck, das Know-how und die Nähe zum Energiemarkt zu halten.

29. April 2010

Solide, krisensicher, wachsend – so stellt sich der Markt für Beratungsleistungen laut der Studie ›EVU-Berater 2010 (4. Auflage)‹ von trend:research in der Energiewirtschaft aktuell und auch zukünftig dar. Das Marktvolumen für Beratungsleistungen ist im Vergleich zu 2007 auch oder gerade im Krisenjahr 2009 auf rund 1,5 Mrd.€ gestiegen, berichtet das Institut für Trend- und Marktforschung. Dies entspreche einem Anteil am Gesamtmarkt für Beratungsleistungen von knapp einem Zehntel.

Nicht nur die Nachfrage seitens der Energieversorger (EVU), sondern zunehmend auch die von neuen Marktteilnehmern wie etwa Energiemarktdienstleistern sei weitaus stabiler als die anderer Branchen, betont Thomas Hein, Bereichsleiter bei trend:research. Drei Viertel der befragten Berater erwarten bis 2011 »stark steigende« oder »steigende« Umsatzentwicklungen. Der Rest geht zumindest von einer konstanten Umsatzentwicklung aus. Nur wenige Berater erwarten bis 2011 zurückgehende Geschäfte.

Für die weitere Zukunft ist die Erwartungshaltung sogar noch positiver. Bis 2013 rechnen 83% mit »stark steigenden« oder »steigenden« Umsatzentwicklungen, bis 2015 sind es sogar 86%.

Bei der Unterscheidung nach Beratungsfeldern wächst insbesondere das Marktvolumen der Organisations- und Prozessberatung, die den größten Teil des Beratungsvolumens bei den EVU ausmacht. Im Referenzszenario von trend:research steigt dieses konstant auf nahezu 700Mio.€ bis 2015 an. Ebenso wachsen die meisten anderen Beratungsfelder bis 2015 ebenfalls weitestgehend konstant.

»In der Energiewirtschaft wird es aufgrund der dynamischen Rahmenbedingungen immer Themen geben, die über die normalen Beratungsbedürfnisse anderer Branchen hinausgehen«, sagt Hein. Die Strategieberatung gewinne beispielsweise vor dem Hintergrund einer insgesamt komplexer werdenden Energiewirtschaft an Bedeutung.

Das Institut rechnet damit, dass der Beratungsbedarf im Bereich Marketing/Vertrieb insbesondere ab dem Jahre 2013 steigen wird, da »steigende Wechselquoten und ein verschärfter Wettbewerb innerhalb der Energiewirtschaft den Bedarf an Vertriebsstrategien und ähnlichen Themen weiter erhöhen«. Der Erzeugungsbereich sei bereits heute durch vielfältige regulatorische und technische Einflüsse gekennzeichnet, die ein hohes Beratungspotenzial implizierten.

Rechtlicher Rahmen wichtig

Nach Angaben der befragten Berater in der aktuellen Studie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen in ihren verschiedenen Ausprägungen maßgebliche Treiber für den Bedarf an Beratungsleistungen.

Insbesondere die mit gesetzlichen Bestimmungen verbundenen Bereiche der (De-)Regulierung, Prozessanforderungen oder das neue Klimakonzept bleiben jeweils für über die Hälfte der Befragten auch zukünftig bestimmende Themenfelder.

Dabei ist das »Thema Regulierung in der Tat beratungsintensiv«, sagt Hein. Schwerpunkte seien hier die Umsetzung von Entflechtungsbestrebungen und die Anpassung von Netzbetreibern an Anforderungen der Bundesnetzagentur. Der Trendforscher hat ausgemacht, dass »Beratungsleistungen vor dem Hintergrund der Regulierung vor allem darauf abzielen, die Risiken für Netzbetreiber, Erzeuger und Vertriebsgesellschaften, die sich aus den vielfältigen rechtlichen Anforderungen ergeben, zu minimieren«.

Gefragt: Erneuerbare Energie

Danach folgen die Schwerpunkte der Entwicklung der energiewirtschaftlich relevanten Themenkomplexe. »In den letzten Jahren gab es beispielsweise eine hohe Nachfrage nach IT-Beratung aufgrund des informatorischen Unbundling, die sich jetzt zum Jahresende hin abschwächt«, prognostiziert der Marktbeobachter. Generell zeige das Ranking nach Beratungsinhalten, dass die Themen ›Erneuerbare Energien‹ und ›Smart Metering‹ in den meisten Feldern potenziell die interessantesten sind.

Zum Teil erhöht hätten sich im Vergleich zur Vorauflage der Studie die Ansprüche an die Qualität der Beratung. Für 92% der befragten Energieversorger ist dies sehr wichtig (siehe Grafik). An zweiter Stelle stehen für die EVU die Nähe zum Energiemarkt und Branchenkompetenz. Sehr wichtig ist dieses Kriterium für 69%. Danach folgt die Fach- und Methodenkompetenz, die 62 % der Befragten »sehr wichtig« und 38% »wichtig« ist. An letzter Stelle liegt die Internationalität des Beraters. Nur sechs Prozent bewerten dieses Kriterium als »wichtig«.

Die Einschätzungen der EVU-Berater hinsichtlich der Anforderungen an Beratungsunternehmen decken sich größtenteils mit den Ansichten der EVU. Für die befragten Berater steht die Beratungsqualität ebenfalls an erster Stelle.

Unterschiede bestehen unter anderem bei der Bewertung von vorhandenen Referenzen. EVU-Berater sehen diese im Vergleich als höherrangig an. Zwar steht die Internationalität auch bei den Beratungsunternehmen an letzter Stelle, aber immerhin bewerten noch 31 % der Berater das Kriterium als »wichtig«. Dies zeige, so die Studienautoren, dass die befragten Consultingfirmen den internationalen Fokus vergleichsweise stärker im Blick hätten als die Energieversorger.

Ranking der Berater

Die Studie enthält darüber hinaus ein Ranking über die wichtigsten Beratungsunternehmen. Dieses teilt sich in zwei Einzelrankings der ›Spezialisten‹ und ›Generalisten‹ bei den EVU-Beratern auf. Bei Spezialisten handelt es sich um Berater mit Branchenfokus auf die Energiewirtschaft. Generalisten sind Anbieter ohne spezifischen Branchenfokus aus der klassischen Managementberatung, die auch Leistungen in der Energiewirtschaft anbieten. Bei den spezialisierten Beratern führt Conenergy wie in den Vorauflagen das Ranking an. Danach folgen die Unternehmen BET und Consulectra auf den Plätzen zwei und drei.

Während die meisten befragten Spezialisten relativ stabile Umsätze vorweisen können, seien in erster Linie große Managementberater, deren Tagessätze in der Regel weit über denen der Spezialisten liegen, einem Preiswettbewerb ausgesetzt, beobachtet Hein. »Hier brachen vergleichsweise am häufigsten Budgets weg. Gleichzeitig versuchen branchenfremde Managementberater aufgrund von Ausfällen in anderen Zielbranchen in den Markt einzutreten.«

Dies äußere sich nicht zwingend in sinkenden Beraterpreisen, jedoch »in einer abnehmenden Auslastung bei den Managementberatern«. Einige EVU berichteten, laut Hein, dass sie »zwei Berater zum Preis von einem« bekämen.

Wissen und ein Vorsprung durch Wissen bleibt auch nach Ansicht der EVU ein wichtiger Faktor in der Energiewirtschaft. Dabei können die EVU-Berater durchaus zuversichtlich in die Zukunft blicken. »Beratung in der Energiewirtschaft ist jedoch kein Selbstläufer«, so ein Fazit der Studie. Da die Neukundenakquise schwierig und finanziell aufwendig bleibe, werde das Bestandskundengeschäft immer wichtiger. Damit steige für Berater der Druck, das Know-how und die Nähe zum Energiemarkt zu halten und auch methodisch gut aufgestellt zu sein, um eine hohe Kundenzufriedenheit zu erreichen.

Vielschichtige Erwartungen

»Vor dem Hintergrund, dass interne Prozesse und auch neue Projekte mit Beratern laut EVU zunehmend kritischer betrachtet und überprüft werden, müssen sich die EVU-Berater weiter anstrengen, um die vielschichtigen Anforderungen und Erwartungen der Kunden zu erfüllen und dadurch den Mehrwert für den Kunden transparent darzustellen«, betonen die Autoren der Studie.

Bei der Vergabe von Beratungsleistungen seien vielfältige Verfahrensschritte vor, während und nach dem Beratungsprojekt wichtig. »Dies beginnt etwa mit einer internen Priorisierung der Beratungsthemen und einer genauen Projektbeschreibung und -skizzierung, aus der sich ein Kriterienkatalog für den Berater ableiten lässt«, so Hein. Es folge die eigentliche Vertragsgestaltung, und während des Projektes sollte ein kontinuierliches, umfangreiches Projekt-Controlling stattfinden, dessen Ergebnisse in das nächste Projekt einfließen. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 04/2010