Das Wertvolle im Netz finden

Strom- & Gasmarkt

Konzessionen - In den kommenden beiden Jahren laufen weit über 2.000 Verträge aus. Doch was sind diese wert? Zur Bewertung sind alle Aspekte auch in ihrer Interaktion zum Netzcontrolling zu berücksichtigen.

30. November 2009

Eine wichtige Weichenstellung zur kommunalwirtschaftlichen Restrukturierung ging im September 2009 vom BGH aus. Die zukünftigen Konzessionsinhaber können nunmehr die örtlichen Strom- und Gasnetze in Eigenregie betreiben und ihre kommunale Verantwortung für die Netzinfrastruktur und Versorgungssicherheit uneingeschränkt wahrnehmen.

Zugleich wird es den sich neu formierenden Stadtwerken möglich, sich intensiver in die Unterstützung wichtiger kommunalpolitischer Vorhaben einzubringen, beispielsweise bei der Umsetzung kundennaher Energie- und Klimaschutzkonzepte. Die aktuelle Rekommunalisierungsdebatte gibt hierzu sicherlich wertvolle Impulse. Wer den Ausbau regenerativer Energien tatsächlich wolle, ist angehalten, das »Steuerungsinstrument Konzessionsvertrag im Sinne einer nachhaltigen,ökologischen,sicherenund effizienten Elektrizitätsversorgung einzusetzen«, so der Rechtswissenschaftler Wolf Templin.

Mit der zunehmenden Prüfung der Eigenbewirtschaftung der Konzessionsgebiete öffnet sich also ein historisch einmaliges Zeitfenster zur Neuorientierung gemeindlicher Energiepolitik. Ungeachtet der weit fortgeschrittenen Liberalisierung ist der Netzbereich jedoch nach wie vor von »natürlichen Monopolen geprägt«, konstatiert der baden-württembergische Wirtschaftsminister Ernst Pfister: »Wettbewerb zwischen potenziellen Netzbetreibern findet insofern nur dann statt, wenn die entsprechenden Konzessionen neu vergeben werden.«

Doch noch herrscht vielerorts bei den Eigentümern der Netzgesellschaften Unsicherheit darüber, welche Investitionen getätigt werden sollen, um Netzgebiete zu halten oder hinzuzugewinnen. Die Datengrundlagen erweisen sich häufig als eher schwach, die Werte und Wertbeiträge einzelner Konzessionsgebiete sind nicht selten unbekannt. Es gilt daher, ein verlässliches Lösungsmodell für deren betriebswirtschaftliche Evaluierung unter Berücksichtigung der in den Systemen vorhandenen Daten umzusetzen.

Dabei sind seitens der Konzessionsinhaber – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Anreizregulierung – drei Sichtweisen miteinander zu vereinbaren:

- Profitabilität: Zunächst geht es um die essenzielle Frage, wie ein Zu- oder Verkauf die aktuelle und künftige Profitabilität der Netzgesellschaft unterstützt. Wie lassen sich diesbezüglich Synergieeffekte schaffen? Auf welcher Basis kann das Potenzial – also EBIT und Rendite – neuer Konzessionen bewertet werden? Was wäre die individuelle Obergrenze bei der Zahlungsbereitschaft pro Konzession?

- Regulierungsanforderungen: Zugleich stehen Netzbetreiber heute mehr denn je unter dem Druck einer norm- und fristgerechten Erfüllung der ihnen vorgegebenen Informations-, Berichts- und Dokumentationspflichten. Ein Kauf oder Verkauf hat zudem direkte Auswirkungen auf die Erlösobergrenze, die im nächsten ›Fotojahr‹ festgelegt wird. Es sind daher Berechnungen anzustellen, welchen Anteil an der Erlösobergrenze das jeweilige Konzessionsgebiet innehat.

- Technische Machbarkeit: Darüber hin-aus setzt Netzbetrieb stets Investitionen in erheblicher Höhe und von sehr langfristigem Charakter voraus. Amortisation, Abschreibung und technische Nutzungsdauer bewegen sich dabei meist in einem Zeitraum von 20 bis 40 Jahren. Die planvolle Wartung und Erneuerung der Netzinfrastruktur steht im Zentrum des Netzcontrolling. Im Laufe eines Jahres sind daher mehrfach entsprechende Bewertungen vorzunehmen.

In eben diesem Spannungsfeld aus Profitabilität, Regulierungsanforderungen und technischer Machbarkeit bewegt sich die Bewertung aktueller und neuer Konzessionen. Da der Zu- oder Verkauf einer Konzession Einfluss auf quasi sämtliche Steuerungskennzahlen einer Netzgesellschaft hat und sämtliche Parameter stark voneinander abhängig sind, wird der Komplexität der Konzessionsbewertung nur auf Basis eines integrierten Systems gerecht.

Die prevero AG und Horváth & Partners bilden gemeinsam das gesamte Spektrum der Kompetenzen ab, die für eine erfolgreiche Umsetzung der Konzessionsbewertung relevant sind. Hierzu gehören insbesondere sowohl energie- und regulierungsspezifische Fachkompetenz, Controlling- und Bewertungsmethoden als auch Lösungsorientierung und Umsetzungsstärke.

»Als einer der führenden deutschen Anbieter integrierter Planungs- und Controllinglösungen sind wir nahezu prä-destiniert für die Umsetzung eines umfassenden Vorgehensmodells für ein nachhaltiges Konzessionsmanagement«, betont Alexander Springer, Vorstand der prevero AG. Horváth & Partners Management Consultants ist eine führende Managementberatung im deutschsprachigen Raum. Stephan Haller, Leiter Competence Center Utilities erläutert die Zusammenarbeit: »prevero bietet ein interessantes Lösungsspektrum, das die IT-technische Umsetzung vieler unserer Konzepte und Ansätze ermöglicht. Zusammen bieten wir das vollständige Spektrum an Kompetenzen an, das für alle Projektphasen von der Konzeption bis zur Umsetzung vonnöten ist.«

Ganzheitlicher Ansatz gefragt

Als Experte für Fragestellungen im Controlling im Energiesektor empfiehlt Horváth&Partners einen ganzheitlichen Steuerungsansatz für den Netzbetrieb. Beide Unternehmen adressieren dabei die Herausforderungen der Bewertung von Konzessionsgebieten durch eine sinnvolle Integration aller technischen und kaufmännischen Prozesse – aus einem ganzheitlichen Blickwinkel und auf Basis eines bereichsübergreifenden Informationsflusses ohne Technologie- und Medienbrüche.

Um belastbare Handlungsempfehlungen geben zu können, sind alle Aspekte der Konzessionsbewertung in ihrer Interaktion zu den anderen Eckpfeilern des Netzcontrollings zu betrachten. Die grundsätzliche Bewertung eines Konzessionsvertrags erfolgt auf Basis einer risikobasierten Cashflow-Rechnung (Discounted Cash Flow Method). Determinanten für die Bewertung des Sachanlagevermögens und der in Betracht kommenden Investitionsszenarien sind insofern auch übergreifende Faktoren wie die Ergebnisse der Simulationsrechnung, Risikobewertungen, die Ermittlung der Netzkosten, Effizienzprognosen oder weiterreichende Investitions- und Kostenplanungen.

»Eine wesentliche Herausforderung stellt die Tatsache dar, dass nur ein gewisser Bestandteil aller Bewertungsgrößen direkt dem Konzessionsgebiet zugeordnet werden können. Dies sind im wesentlichen die Kapitalkosten, und damit Abschreibungen, kalkulatorische Steuern und Eigenkapitalverzinsung«, erläutert Senior Partner Haller. Insbesondere Betriebskosten ließen sich in der Regel nicht direkt zuordnen. »Pauschale und falsche Zuordnungen über Schlüsselungen können jedoch das Gesamtergebnis verzerren und zu falschen Entscheidungen führen«, so Haller. »Um dem vorzubeugen haben wir einen Ansatz, basierend auf einer mehrstufigen Deckungsbeitragsbewertung entwickelt, welcher den Gesamtwert der Konzession nach Beeinflussbarkeitsstufen unterteilt.«

Das gemeinsam mit prevero entwickelte Konzessionsmanagement erweitert das bestehende Leistungsportfolio in den Bereichen Bewertung des Anlagevermögens und Anreizregulierung. Dies geschieht im Rahmen der Aufspaltung der einzelnen Parameter nach Konzessionsgebieten. Die Konzessionsdatenbank ermöglicht die Zusammenführung aller für die Bewertung relevanten Daten.

Das Ergebnis: Eine detaillierte Analyse der Auswirkungen des Zu- und Verkaufs von Konzessionen mit der Möglichkeit zur präzisen Evaluierung und Ableitung konkreter Strategieoptionen. <

Dr. Anke Schäfer

Interview

»Genaue Bewertung, keine Modeerscheinung«

Alexander Springer - , Vorstand der prevero AG, erläutert die Rekommunalisierung aus seiner Sicht und sagt worauf es bei Kauf und Verkauf von Konzessionen ankommt.

es: Wie stellt sich das Thema Rekommunalisierung aus Ihrer Sicht dar?

Anders als noch vor wenigen Jahren vorhergesagt, geht der Trend momentan dahin, dass Kommunen neue, eigene Stadtwerke bilden und damit ein wachsendes Gegengewicht zu den Branchenriesen bilden. Interessant ist auch die Rolle der weichen Faktoren, die diese Entwicklung treiben, wie etwa das Vertrauen in die Marke Stadtwerke und das Vertrauen in einen kommunalen Versorger. Es entsteht ein zunehmender Wettbewerb um Konzessionen und Netzübernahmen, Abschlüsse von Konzessionsverträgen sind kein Selbstläufer mehr wie früher.

es: Welche wichtigen Aspekte gilt es zu bedenken?

Wir denken, dass es sicherlich einige sehr lukrative Perlen unter den Konzessionen gibt, aber auch solche, bei denen es kaum möglich ist profitabel zu arbeiten. Wichtig ist, dass die Rekommunalisierung nicht wie eine Art Modeerscheinung angesehen wird, sondern es sollten die in Betracht kommenden Konzessionen genau bewertet und die erwarteten Ertragswerte fundiert kalkuliert werden. Dabei muss eine Antwort gefunden werden auf Fragen wie: Was ist das Netz wert, oder: Was bringt das Netz in Zukunft an Erlösen? Es können sich auch Synergien aufzeigen, die sinnvoll erscheinen, etwa im Netzservice.

es: Sind Stadtwerke hier richtig aufgestellt?

Es ist möglich, dass den Stadtwerken gewisses Branchen-Know-how fehlt. Das kann dazu führen, dass sich Kommunen mit der neuen Aufgabe übernehmen und es zu Verlustgeschäften kommen kann. Eine fundierte Bewertung der Auswirkungen des Engagements im Versorgungs- und insbesondere im Netzgeschäft, ist Voraussetzung für ein zielführendes Handeln.

es: Welche Unterstützung ist vonnöten?

Die Stadtwerke benötigen ein Tool, das der Komplexität der Sache gerecht wird und in der Lage ist, intensive Bewertungen von Konzessionen durchzuführen. Erforderlich ist hierbei, die Unterstützung eines Partners mit Branchen-Know-how und Erfahrung im Controlling und Regulierungsmanagement. Ein Partner, der sich des Beziehungsgeflechts zwischen handelsrechtlichen, kalkulatorischen und technischen Größen bewusst ist.

es: Welche Kennzahlen müssen ermittelt werden?

Unter anderem: Tagesneuwerte, Restbuchwerte, Sachzeitwerte, die Bewertung des Sachanlagevermögens nach den Vorgaben der Bundesnetzagentur – und interne Klassen, die CAPEX oder die Aufteilung der OPEX. Darüber hinaus sind Pacht, Netzentgelte und noch viele mehr zur berücksichtigen. Eine hohe Komplexität besteht bei der Aufteilung der Erlösobergrenze auf Konzessionsgebiete.

es: Wie lassen sich diese Anforderungen effektiv durch Software lösen?

Effektiv wird es durch ein integriertes System, das die Datenhaltung und Modellierung klar strukturiert und voneinander trennt. Excel stößt hier im Zuge der Nachvollziehbarkeit und Datenkonsistenz an seine Grenzen.

es: Was sind die speziellen Features Ihrer Lösung?

Ab Dezember gibt es die neu entwi-ckelte prevero Konzessionsbewertung. Wir haben unsere bestehenden Lösungen zur Vermögensbewertung und Performancemanagement dahin gehend erweitert, dass die einzelnen Kennzahlen nach Konzessionsgebieten aufgeteilt werden können. Damit wird die notwendige höhere Granularität – nämlich die auf Konzessionsgebietsebene – erreicht. Unsere Lösung zur Konzessionsbewertung leitet alle relevanten Kennzahlen nachvollziehbar her, bildet das Beziehungsgeflecht zwischen kalkulatorischen und handelsrechtlichen Größen ab, simuliert verschiedene Szenarien und ist leicht auf andere Komponenten des prevero Netzcontrollings erweiterbar. Ein Fachkonzept, das gemeinsam mit Horváth&Partners entwickelt wurde, gibt dem ganzen den inhaltlichen Rahmen. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009