Der Zeit voraus sein

Management

Kommune digital. Bits und Bytes sind das neue Öl, sagen Experten. Jetzt werden die Marktanteile für die nächste Dekade vergeben. Die Digitalisierung bietet allen Kommunen Chancen, etwas für sich, ihre ortsansässigen Unternehmen und die urbane Bevölkerung zu tun.

22. April 2016

Glasfaser für High-Speed-Internet, zahlreiche W-Lan-Hotspots, gute Verkehrsanbindung, öffentlicher Nahverkehr auch am späten Abend, nachts sowie am Wochenende, gute Schulen und Hochschulen: die Wünsche von Unternehmen und jungen Menschen zwischen Anfang 20 und Mitte 30 liegen manchmal gar nicht so weit auseinander. Jahrzehntelang bestand kommunale Standortpolitik darin, Gewerbe und Industrie anzusiedeln oder deren Abwandern über die Stadtgrenze zu verhindern. Die Stadt Köln bot RTL vor ein paar Jahren das städtische Messegelände direkt am Rhein an, damit der Sender an einem Ort die meisten Teile des Unternehmens zusammenführen konnte. Die Börse Frankfurt wanderte ins benachbarte Eschborn ab, ebenso die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

Harte und weiche Standortfaktoren

Harte Standortfaktoren mischen sich heute zunehmend mit weichen Standortfaktoren; während Unternehmen Wert legen auf gute Verkehrsanbindung, Platz für eine bauliche Maßnahme, um sich unter Umständen zu vergrößern, und einen Pool gut ausgebildeter Fach- und Führungskräfte, achten junge Menschen darauf, ob sie nach der Ausbildung viele potenzielle Arbeitgeber an einem Ort haben, auf die Höhe der Lebenshaltungskosten, ob es Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Freizeit- und Kulturangebote für jeden Geschmack gibt. Kommunen sollten dem mehr Beachtung schenken. Letztlich gehören zu einer stimmigen Standortpolitik harte und weiche Faktoren. Das gilt vor allem für Großstädte wie München oder Stuttgart, die sich schwertun im deutschlandweiten Standortmarketing gegen Berlin, Hamburg und neuerdings Leipzig. »Wie kann ich mit Daten Geld verdienen? Diese Frage muss sich heute jeder stellen, allen voran Unternehmen«, sagt der Trendbeobachter Mathias Haas. »Sonst sind sie in zehn Jahren nicht mehr da. Diese Entwicklung kann man nicht ignorieren.«

Digitale Dienstleistungen für die Bürger

Kommunen sollten sich nach seinen Worten bemühen, Daten und Dienstleistungen für eine gute Lebensführung zur Verfügung zu stellen beziehungsweise durch Dritte zur Verfügung stellen zu lassen. »Diese Dienstleistungen sprechen vor allem gut ausgebildete Arbeitskräfte an und dienen letztlich der Standortsicherung in Konkurrenz zu anderen Städten. Das ist in Deutschland noch weitgehend Neuland. Aber es gehört zur Aufgabe eines guten Lieferanten dazu.« Die Infrastruktur wird in den Großstädten meist von Dienstleistern errichtet. Teils mit Beteiligung der Kommune oder Stadtwerke, teils ohne. In jedem Fall fällt es auf die Kommune zurück; besonders dann, wenn etwas nicht vorhanden ist oder schlecht funktioniert.

Demografie und Digitalisierung

Das war schon immer so, mag mancher denken. Warum sollten sich Stadtverwaltungen also bemühen, moderne Infrastrukturen aufzubauen oder deren Ausbau durch Dritte nach Kräften unterstützen? Weil es mehr denn je Teil der eigenen Daseinsvorsorge wird. Der demografische Wandel erzeugt in den Städten Handlungsdruck, um auch in Zukunft Abwanderung zu reduzieren und möglichst Zuzug neuer Bewohner zu stimulieren.

Die Digitalisierung verstärkt die Folgen des demografischen Wandels und bringt letztlich Städte und Gemeinden insgesamt in die Situation, die eigene Standortpolitik zu prüfen und den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Innovation zieht Innovation nach sich. Das gilt auch für das kommunale Liegenschaftsmanagement. Die Digitalisierung setzt neue Standards bei der Energieeffizienz und damit bei der Bewirtschaftung von Gebäuden. Was künftig alles möglich sein wird, steht heute noch nicht fest. Aber die Konturen sind schon zu erkennen.

»Ich habe jüngst das Immobilienprojekt ›The Edge‹ in den Niederlanden besucht«, sagt Trendbeobachter Haas. »Auch Personen-Bewegungen innerhalb des Gebäudes werden hier erfasst. Die Daten kann man nutzen, zum Beispiel für eine effiziente Steuerung von Licht und Heizung. Deutsche Kommunen oder Stadtwerke können sich das zum Vorbild nehmen für eine effiziente Bewirtschaftung ihrer Liegenschaften.«

Neue Standards für Liegenschaften

Wohin die Reise geht, zeigt die Firma Hager mit ihrem Forschungs- und Entwicklungszentrum in Blieskastel im Saarland. Das Unternehmen ist mit der Herstellung von Elektroinstallationsmaterial groß geworden. Jetzt arbeitet Hager an einem Energiemanagementsystem, das einen neuen Standard bei der Gebäudebewirtschaftung setzt.

»Wir denken Energiemanagement in vier Stufen«, sagt Projektleiter Johannes Hauck. »Stufe eins ist ein sinnvolles Konzept für die dezentrale Energieerzeugung im Gebäude. Stufe zwei umfasst Speichertechnik für Erneuerbare, Stufe drei ist die Verbrauchsanalyse, Stufe vier die Energieprognose.«

Messbetrieb seit 2015

Ziel ist, das Gebäude zu jeder Zeit energetisch und wirtschaftlich sinnvoll zu betreiben. Um das zu schaffen, muss das System selbst erkennen, was in einer bestimmten Situation gut ist und was schlecht.

Es muss quasi selbst lernen können. Daran arbeiten Hauck und sein Team jetzt. Basierend auf den Energieverbrauchs- und Erzeugungsdaten wird mittels spezieller Algorithmen versucht, Muster und Zusammenhänge beziehungsweise Einflüsse zu erkennen. Mit dieser Analyse wird eine Energiestrategie für das Gebäude erstellt. Das meiste passiert im Hintergrund. Das System steuert mehrere Erzeugungsanlagen für Strom, Wärme und Kälte sowie einen Akkuspeicher je nach Bedarf, um das Gebäude mit Energie zu versorgen. Ziel ist ein hoher Eigenverbrauch. Umgekehrt ist es auch möglich, den Bedarf anzupassen; Erzeugung und Bedarf sind für das System variable Größen, um einen möglichst hohen Eigenverbrauch zu erreichen. Auch die Stromeinspeisung ins allgemeine Netz oder umgekehrt Netzbezug sind möglich, wenn es sinnvoll für die Bilanz des Gesamtsystems ist.

90 Prozent Autarkie im Winter

Seit 2012 ist das Gebäude in Betrieb, die erste Messperiode für das neue Energiemanagementsystem von Hager läuft seit September 2015. »Im Winter haben wir eine Autarkie von 90 Prozent erreicht bei Strom, Wärme und Kälte. Spannend sind die Übergangsperioden im Herbst und im Frühjahr«, so Hauck.

»Wir setzen das System künstlich unter Stress, indem wir die Erzeugung drosseln oder den Verbrauch schlagartig erhöhen. Zum Beispiel indem man simuliert, dass zehn statt fünf Elektroautos an den Ladesäulen stehen.« Das ist Teil der Strategie; Hauck und sein Team testen, welche Folgen bestimmte Parameteränderungen haben und wie der Selbstlernmechanismus des Systems damit umgeht. »Wir brauchen diese Erfahrungswerte, um das System sinnvoll auslegen zu können.«

›Sie haben eine E-Mail‹

Die Mitarbeiter bekommen von der Feinabstimmung des Systems nichts mit. Aber sie wissen, dass das Gebäude mehr kann als andere. Dazu gehört unter anderem eine Komfortfunktion. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter regelmäßig die Standardeinstellungen der Heizung oder des Bürolichts an seinem Arbeitsplatz verändert, dann stellt sich das System darauf ein und passt die Einstellungen an.

Per E-Mail wird der Mitarbeiter dann darüber informiert. Ähnlich wie bei ›The Edge‹ werden auch in Blieskastel Bewegungsdaten der Mitarbeiter erfasst, wenn sie sich im Gebäude aufhalten. Ziel ist laut Hauck ein modulares System, das für jede Art von Gebäude geeignet ist. »Unser Geschäftsmodell ist das Energiemanagement als Service. Kunden können je nach Bedarf Bausteine des modularen Systems buchen.«

Früher an später denken

Rund 5.000 Sensoren messen in dem Gebäude die Stoffströme in den Versorgungssystemen, liefen Wetterdaten oder registrieren Bewegungen in den Büroräumen oder auf den Fluren des Forschungszentrums.

Die neue Technik stellt die übliche Arbeitsteilung in Frage, wenn in Deutschland Häuser gebaut werden.

Denn in der Regel sind für den Bau von Gebäuden nicht diejenigen zuständig, die später das Gebäude betreiben und sich um dessen Energieeffizienz kümmern. Das hat teils weitreichende Folgen, denn die neuen Gebäude müssen oft aufwendig nachgerüstet werden mit Hard- und Software. Obwohl sie quasi neu sind, sind sie aus energetisch-technischer Sicht nicht auf dem Stand der Technik. Die Ursache dafür sind nicht die Architekten und Bauingenieure, sondern die in Deutschland übliche Arbeitsteilung bei Planung und Bau.

Der Betrieb des Gebäudes muss bei der Planung schon berücksichtigt werden, sagt Hauck. »Das ist das A und O in Zukunft.«

Billig kann teuer werden

Bislang ist das nicht die Regel und führt zu vielen Problemen beim späteren Betrieb des Gebäudes, wenn man die Energieeffizienz verbessern will. 2002 wurde die Pinakothek der Moderne in München eröffnet, aber die jährlichen Betriebskosten für Heizung, Klima und Warmwasser waren exorbitant hoch, wie sich bald herausstellte; der Grund: beim Bau wurde an der falschen Stelle gespart. Der Bauherr in Gestalt des Freistaats Bayern ließ Technik installiert, die nicht oder nur unzureichend für einen sparsamen Betrieb des Gesamtsystems geeignet war.

Zentral ist laut Johannes Hauck die ganzheitliche Betrachtung schon bei der Planung des Gebäudes. Dann muss ein Anforderungsprofil erstellt werden, das den späteren Betrieb skizziert mit besonderer Berücksichtigung von Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz.

Es lohnt sich. Hager hat für das Energiesystem des Forschungszentrums mehr als 1 Mio. € ausgegeben. Bereits in weniger als fünf Jahren soll sich das bezahlt gemacht haben. 

 

Erschienen in Ausgabe: 04/2016