Ein Land im Lernmodus

Menschen

Peter Gerstmann von Zeppelin über den Wandel im Energiewende-Land Deutschland und was er für das BHKW-Geschäft bedeutet.

29. Mai 2017

Jede Gesetzesnovelle habe KWK- oder EEG-Projekte schwieriger gemacht, heißt es. Ohne Rechtsabteilung gehe heute quasi gar nichts mehr, klagen beispielsweise Techniker in Contractingfirmen …

… Das geht uns auch so.

Was bedeutet das für den Stellenwert des Bereichs Power Systems innerhalb des Zeppelin-Konzerns?

Energieversorgung ist für uns nur ein Marktsegment im Bereich Power Systems. Es ist aber eines der interessantesten und dynamischsten Geschäftsfelder. Weil sich durch die Veränderungen im Energiemarkt immer wieder neue Herausforderungen ergeben – und damit auch neue Möglichkeiten. Da können sie nur Erfolg haben, wenn ein Ingenieurteam die Veränderungen permanent begleitet. Das haben wir getan, etwa bei den Gesetzesnovellen der letzten Jahre, und zwar mit Glück.

Caterpillar war lange Jahre in der Energiewirtschaft nicht das Pseudonym für einen hocheffizienten Gasmotor. Da haben wir jetzt mit MWM einen ganz anders aufgestellten, zusätzlichen Partner bekommen.

MWM ist ja inzwischen ein Tochterunternehmen von Caterpillar.

Genau. Mit MWM und Caterpillar sind wir nun in hochinteressanten Leistungsbereichen unterwegs und haben unsere Lücken geschlossen. Dazu gehören auch die Leistungsbereiche 1 MW und über 50 MW.

Das heißt, wir können beide Richtungen, die von den Gesetzesnovellen betroffen waren, sinnvoll bedienen. Und da tut sich auch was. Wir haben eine Vielzahl von Anfragen für Eigenerzeugungsanlagen, um den Strom und die Wärme komplett vor Ort zu nutzen. Ein Beispiel ist unser Nachbar hier in Friedrichshafen, die Firma ZF. Die haben jetzt vier BHKW in Folge bei uns gekauft. Denen geht es nicht darum, Strom einzuspeisen. Die wollen für ihre Werke Strom und Wärme erzeugen.

Wichtig ist: Wir verkaufen nicht nur Aggregate, wir projektieren Energieerzeugungsanlagen für unsere Kunden. Die haben in der Regel keine Expertenabteilung. Wir schließen die Lücke mit unserem Engineering.

Wo fängt es an, wo hört es auf?

Das kommt auf den Kunden an. Manche kommen mit eigenen Berechnungen und einer fertigen Ausschreibung zu uns. Die müssen wir nur noch bedienen und ein Angebot machen. Fertig. Anders ist es zum Beispiel bei Unternehmen, die kleine Werkstandorte autark setzen wollen und keine eigenen Kapazitäten haben.

Die haben die Idee und wir übernehmen dann das Weitere. Und Planungsbüros unterstützen wir in der Projektierungsphase mit den relevanten Daten und zeigen Alternativen auf.

Im Vergleich zu anderen Geschäftsbereichen: Sind die Veränderungen im deutschen Energiemarkt wirklich so erheblich, wie vielfach behauptet?

Global gesehen, sicherlich nicht. Bezogen auf Deutschland, ja. Anfangs waren Reservekraftwerke mit fossilen Brennstoffen Teil des Atomausstiegs. Das steht jetzt wieder in Frage. Weder Sonne noch Wind liefern stetig Energie. Man muss Ausgleichskapazitäten schaffen. In Deutschland werden wir durch die Energiewende zu einem Lernprozess gezwungen.

Den durchlaufen wir gerade. Das macht Deutschland zu etwas Besonderem. Und später sicherlich zu einem Vorbild, wodurch sich unsere Chancen auch im Export verbessern werden.

Die Erzeugungsarten werden ja immer mehr kombiniert. Sei es erneuerbar, sei es konventionell. Wie haben Sie sich darauf eingestellt?

Kunden fragen uns nach Lösungen, um Erzeugungsanlagen bestmöglich koppeln zu können. Etwa Reserveenergieanlagen in Verbindung mit Solaranlagen und Ähnliches, also Microgrids. Interessant sind für Solaranlagen natürlich große Dachflächen in der Industrie oder auf Parkhäusern. Immer mehr Betreiber befassen sich damit. Es geht künftig aber nicht nur um Hardware. Es geht auch um Software. Steuerungstechnik und Datenverfügbarkeit machen den Erfolg der Zukunft aus. Zum Beispiel die intelligente Energieverteilung mittels Software. Dafür bauen wir gerade Kompetenzen auf.

Das Ziel ist, Energiequellen so zu vernetzen, dass es keinen Versorgungsausfall gibt. Das wird immer mehr nachgefragt.

Bis 2025 will der Zeppelin-Konzern 50 Prozent des Geschäfts über digitale Kanäle generieren. Das ist ambitioniert. Wie soll das gelingen?

Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Es kommt auf den Begriff ›Generieren‹ an. Wir haben jüngst einen Onlinekonfigurator für Baumaschinen vorgestellt. Den wird es wahrscheinlich auch für Power Systems geben. Interessenten wählen online einen Motor oder ein Aggregat aus und senden uns dann eine Anfrage. Wir nehmen dann Kontakt auf. Das verstehen wir unter digital generiertem Geschäft.

Vor einem Jahr sagte mir der Chef einer großen Verleihfirma im Baubereich, er glaube nicht daran, dass der komplette Vermietprozess über das Internet laufen werde. Heute haben wir das bereits voll realisiert. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 05/2017