Einige Gebiete schon überbesetzt

Energie Spektrum im Gespräch mit dem MVV-Energie-Vorstand Karl-Heinz Trautmann

Am 1. Juni trat die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) in Kraft. Gut weg kam dort insbesondere die Förderung der Stromerzeugung aus Biomasse (siehe Kasten). Wir sprachen mit der MVV Energie AG, die sich schon früh in diesem Bereich engagierte.

09. August 2004

ES: Viele erwarten einen wahren Boom beim Einsatz von Biomasse in der Energiegewinnung. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nach unserer Einschätzung ist insbesondere im Bereich der dezentralen Wärmeerzeugung aus unbelasteten Biomassen mit einem Boom zu rechnen. Es werden sicherlich viele neue Projekte angestoßen. Welche davon realisiert werden, hängt von zahlreichen weiteren Rahmenbedingungen ab, vor allem von der weiteren Preisentwicklung bei den fossilen Energien und den Kosten für die Biobrennstoffe.

ES: Wie haben sich denn die Preise entwickelt?

Der Altholzpreis ist etwa seit einem halben Jahr um 20 bis 25 Prozent angestiegen. Hier greift der übliche Marktmechanismus: Wer über Holz verfügt, hält das Gut knapp. Das treibt den Preis in die Höhe. Allerdings entspannt sich der Markt momentan wieder etwas.

ES: Wie sieht das bei Ihnen aus?

Wir haben damit kein Probleme, da wir unsere Holzlieferungen über langfristige Verträge abgesichert haben. Diese sind in unsere Planungen eingeflossen. Kritisch wird es vor allem für Kraftwerke, die momentan in Planung sind.

ES: MVV Energie gilt mit drei großen Biomasse-Kraftwerken als einer der Vorreiter. Wie sieht die Zukunftsstrategie hier aus?

Mittlerweile ist mit dem BMHKW Altenstadt ein viertes Kraftwerk hinzugekommen. Wir halten Biomasse also weiter für ein interessantes Thema, auch wenn sicherlich nicht in dieser Wachstumsintensität. Der Markt ist abhängig von ausreichend Brennstoff. Hier ist in einigen Marktsegmenten mittlerweile die Grenze erreicht.

ES: Geht der Brennstoff aus?

Einige Regionen sind bereits heute überbesetzt. Beispielsweise stößt die Region Rhein-Main schon jetzt an ihre Grenzen. Hier wird man in Zukunft Probleme bekommen ausreichend Holz zu beschaffen. Momentan sind dort fünf weitere Biomasse-Kraftwerke geplant. Dagegen besitzen andere Regionen, wie Nord- und Ostdeutschland, noch erhebliches Potenzial.

ES: Sind die Einspeisesätze der EEG-Novelle ausreichend für eine kostendeckende Energieproduktion?

Für Anlagen zur reinen Stromerzeugung sind die Vergütungssätze aufgrund der hohen Kosten für die Biobrennstoffe - insbesondere naturbelassene - vielerorts nicht ausreichend. Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung werden leider bisher durch das EEG nicht gefördert, allerdings entstehen durch die Wärmenutzung entsprechende Kostenvorteile.

ES:Bei welcher Anlagengröße sehen Sie die Haupteinsatzbereiche?

Wegen der eher regionalen Brennstoffbeschaffung und dem zu erwartenden Schwerpunkt KWK werden dezentrale Holzfeuerungsanlagen mit einer Größenordnung von rund fünf MW überwiegen. Beim Biogas werden die Anlagen

sicherlich kleiner ausfallen.

ES:Neue Möglichkeiten für Contracting?

Das Contracting auf Basis von erneuerbaren Energien wird neue Impulse erhalten. Für Anlagen mittlerer Größe mit 10 bis 20 MW Wärmeleistung ergeben sich interessante Ansätze. Seit drei Jahren betreiben wir bereits eine solche Anlage beim Möbelhersteller Hukla in Gengenbach und prüfen momentan weitere Projekte.

ES: Wie schätzen Sie die unterschiedlichen Potenziale von Holz, nachwachsenden Rohstoffen und Biogas ein?

Das Potenzial von Holz wird auf rund 15 Millionen Tonnen pro Jahr geschätzt, was theoretisch einer elektrischen Leistung von etwa 1.000 MW entspricht. Nachwachsende Rohstoffe könnten langfristig, etwa in 25 bis 30 Jahren, einen vergleichbaren Beitrag liefern. Das Biogaspotenzial liegt bei etwa 50 % des Holzpotenzials.

ES: Sind die Landwirte die Ölscheichs von morgen, wie Ministerin Künast erwartet?

Diese Prognose halte ich nicht nur für zu optimistisch sondern auch für populistisch. Es ist eher mit einem teilweisen Strukturwandel zu rechnen. Aufgrund der ohnehin hohen Kosten beim Anbau nachwachsender Rohstoffe werden sich in Deutschland sicherlich keine Scheichtümer entwickeln. Die optimistischsten Prognosen zeigen einen Beitrag der Biomasse von 5 % am inländischen Gesamt-Energieeinsatz.

ES: Für Biomasse spricht auch die stetige Bereitstellung von Energie. Wie sehen Sie den Einsatz im Regelenergiebereich?

Im Regelenergiebereich wäre der Einsatz von Biogasanlagen technisch realisierbar, die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit ist jedoch bis auf weiteres nicht gegeben. Dort werden typischer Weise Kraftwerke mit niedrigen spezifischen Investitionskosten und hohen Brennstoffkosten eingesetzt. Dies trifft sicherlich auf Biomasseanlagen nicht zu.

ES: Auf Kritik stößt in der Öffentlichkeit der Einsatz von Altholz wegen der Schadstoffbelastung. Ist diese berechtigt?

In Deutschland fallen pro Einwohner und Jahr 80 bis 100 kg Altholz an. Dieses Altholz muss entsorgt oder verwertet werden. Der Einsatz von Altholz in Biomassekraftwerken erfolgt ausschließlich in Anlagen, die nach der 17. BImschV genehmigt sind. Dafür gelten die gleichen strengen Genehmigungsauflagen wie für die Müllverbrennung. Es existiert zum heutigen Zeitpunkt kein alternatives großtechnisches Verfahren, das unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten eine stärkere Schadstoffreduktion erzielt.

ES: Kritisch betrachtet werden auch die teilweise langen Transportwege. Welche Entfernung erachten Sie als vernünftig?

Lange Transportwege sind absolut schädlich. Die Entfernungen sollten nicht größer sein als 50 bis 100 km. Anders sieht dies aus, wenn eine Belieferung über den Wasserweg möglich ist, wie in unserer Anlage in Königs Wusterhausen bei Berlin. In Großstädten besteht zudem die Möglichkeit der Verbrennung von Holzabfällen.

ES: Optimisten rechnen damit, dass Biomasse bis 2030 einen ähnlichen Anteil wie Kohle an der Energiegewinnung erzielen kann. Eine realistische Einschätzung?

Selbst bei optimistischen Wachstumsszenerien für die Biomasse wird die Kohle neben den anderen fossilen Energieträgern noch lange einer unserer wichtigsten Energieträger sein.

Erschienen in Ausgabe: 08/2004