Im Dialog Mit der Säule

Blockchain – Mit dezentralen Strukturen will Bosch das Vertrauen in das Internet der Dinge stärken und damit den Weg zur Ökonomie der Dinge ebnen. So sollen etwa Elektroautos die besten Ladegeschäfte für ihre Besitzer abschließen.

11. Oktober 2019
 Im Dialog  Mit der Säule
(Bild: Bosch)

Wie hilfreich Echtzeitdaten sein können, erfahren Autofahrer, wenn es sich auf der Strecke staut. Dank des Internets und intelligenter Navigationssysteme kommen sie schneller ans Ziel. Auch das Laden von Elektroautos und das Parken in Innenstädten nehmen Zeit und Kilometer in Anspruch.

Dafür gibt es diverse Helferlein-Apps, die Standorte lokalisieren. Bosch will dies noch komfortabler und einfacher machen und arbeitet mit Projektpartnern an Lösungen, um das Niveau dieser Assistenzsysteme auf eine neue Ebene zu heben.

Lösung: Dezentrale Speicherung

Gelingen soll dies mit Distributed-Ledger-Technologien (DLT), zu denen auch Blockchain zählt, machte Dr. Michael Bolle, verantwortlicher Geschäftsführer bei Bosch für Technologie und Digitalisierung, Mitte Mai auf dem Branchentreff Connected World in Berlin klar.

Distributed Ledger heißt übersetzt verteilte Konten beziehungsweise dezentrales Kontobuch. Im Unterschied zu zentralen Datenbanken und Plattformen werden bei DLT übertragene Daten und Werte wie Bitcoin oder Token dezentral auf verschiedenen Rechnern verschlüsselt gespeichert. Bilden die Daten und Werte dabei Blöcke und sind durch eine kryptografische Signatur miteinander in einer Kette verbunden, handelt es sich um eine Blockchain.

»Mit diesen dezentralen Strukturen schaffen wir Vertrauen in Internet-Plattformen. Denn: Die Teilhabe vieler Akteure wird möglich«, unterstrich Bolle. Darüber hinaus seien dezentrale Plattformen, die viele ebenbürtige Partner betrieben, sicherer gegenüber Angriffen von außen. Wie DLT die Mobilität der Zukunft verändern und vereinfachen kann, zeige ein erster Prototyp von Bosch und EnBW.

Wir möchten im IoT Sicherheit und Transparenz gewährleisten.

— Nik Scharmann Bosch

»Damit Auto und Ladesäule in Zukunft selbstständig verhandeln und Verträge (Smart Contracts) abschließen können, werden sowohl das Fahrzeug als auch die Ladesäule über ein intelligentes Softwareprogramm verfügen, das verhandelt, den Vertrag zum Laden abschließt und mit einer digitalen Geldbörse selbstständig bezahlt«, erläutert Nik Scharmann, Projektdirektor »Economy of Things« bei Bosch, das Konzept. Neben der Verfügbarkeit von Ladesäulen mit Grünstrom und günstigen Preisangeboten könnten Standortpräferenzen des Kunden berücksichtigt werden, so zum Beispiel ob Spielplätze und Cafés im Umfeld von Ladesäulen verfügbar sind, wenn der Kunde Kinder hat und gerne Kaffee trinkt.

Der Mensch bleibt außen vor

Die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladeinfrastruktur erfolge zum einen über das Internet, und zum anderen direkt über das Ladekabel, konkretisiert Andreas Straub, Senior Manager Digitale Transformation vom EnBW Digital Office in Karlsruhe, zum Ablauf des Informationsaustausches. »Vereinfacht dargestellt, erfolgen die Preisfindung und die Reservierung der Ladesäule über das Internet.«

Die Bedingungen hierfür seien in selbstausführenden Verträgen, Smart Contracts, fixiert. Diese enthielten darüber hinaus die Bedingungen zum Laden und Bezahlen über die Blockchain. Das Fahrzeug selbst identifiziere sich mit dem Ladekabel an der ausgewählten Säule.

In ihren Echtladelaboren könnten die Projektpartner den kompletten Anwendungsfall testen. Im konkreten Fall liefen die Tests im Labor bei Bosch, während EnBW dazu die entsprechende Ladestation bereitstellte. Das Labor von Bosch befindet sich auf dem Forschungscampus des Technologiekonzerns in Renningen. Beim Prototypen sei die Blockchain- Lösung Ethereum zum Einsatz gekommen, da sie smarte Verträge abschließen kann.

Verhandlungen der Dinge

»Wir evaluieren jedoch eine Vielzahl weiterer Technologien und sind nicht auf Ethereum festgelegt«, so Scharmann. Im Projekt mit Siemens testeten die Unternehmen, wie ein Fahrzeug mit umliegenden Parkmöglichkeiten die besten Konditionen aushandelt. An der ausgewählten Schranke läuft alles ohne Parkschein automatisch inklusive Bezahlvorgang ab. »Mit Blick auf das Internet der Dinge forscht Bosch an Mechanismen, die Sicherheit und Transparenz gewährleisten. Dazu gehören zum Beispiel einfache, kostengünstige und zugleich sichere Bezahlvorgänge sowie Vertragsschlüsse zwischen Maschinen mittels Smart Contracts«, resümiert Scharmann. Das soll das Vertrauen der Nutzer stärken.

Hinter ungeklärten Rechtsfragen rangiert mangelndes Vertrauen beim Einsatz von Blockchain-Technologien als zweitgrößtes Hindernis. Das ermittelte das Beratungsunternehmen PwC im letzten Jahr in seiner globalen Umfrage von 600 Führungskräften aus unterschiedlichen Branchen und Regionen. Zugleich gelten Hersteller von Industrieprodukten und Energieversorger gleich nach den Finanzdienstleistern bei den Befragten als Vorreiter für Blockchain. EnBW widmet sich diesem Thema seit mehreren Jahren.

Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 50 bis 51