Energiesystem

Fortschritt ist Kopfsache

2009 gründeten Heiner Gärtner und Ove Petersen ihre Firma GP Joule mit der Überzeugung, dass vollständig erneuerbare Energieversorgung machbar ist. Heute haben sie mehr als 200 Mitarbeiter und sind ein innovativer Anbieter für integrierte Energielösungen. Worauf es dabei ankommt, darüber sprachen wir mit den Gründern und Studienfreunden bei einem Interview in Berlin.

01. Februar 2019
(Bild: energiespektrum)

Herr Petersen, Herr Gärtner, ein Unternehmensschwerpunkt von GP Joule ist die Sektorkopplung, etwa durch Mobilität aus erneuerbarem Wasserstoff. Jahrelang hat sich ja kaum etwas bewegt bei der Sektorkopplung. 2018 stieg das Interesse an dem Thema deutlich an. Ist der Stillstand damit endgültig überwunden?

Ove Petersen: 2018 ist das Jahr, wo tatsächlich andere Themen auf den Tisch kamen. Etwa: Wie versorge ich die Mobilität grüner? Was mache ich in der Wärmeversorgung? Dort gab es mehrere Projekte, auch bei uns im Unternehmen kam einiges an. Der Quantensprung ist da. Strom aus Wind und Photovoltaik ist mittlerweile so günstig, dass man ihn in andere Sektoren überführen kann. Das ist ein Grund dafür, warum Sektorkopplung jetzt interessanter wird. Aber auch aufgrund der Verkehrsthemen und des Kohleausstiegs. Diese Signale konnte man im Koalitionsvertrag herauslesen. Darüber hinaus lässt sich in der Wirtschaft beobachten, dass sich nicht nur mehr Vorreiter mit erneuerbaren Energien beschäftigen, sondern auch die klassischen Unternehmen. Die denken darüber nach, Energie nachhaltig zu produzieren und sich das auf die Fahne zu schreiben. Das ist der große Game Changer.

Heinrich Gärtner: Wir haben immer häufiger Zeiten, wo erneuerbare Energie für einen bestimmten Zeitraum sehr günstig zur Verfügung steht. Das ist ein großer Antrieb für viele Unternehmen darüber nachzudenken, wie sie diese günstige Energie gut und vernünftig nutzen können. Eine Variante ist die Kopplung von Sektoren. Eine andere Variante sind Speicher. Das wird ebenfalls immer interessanter.

Ob mittelständisches Unternehmen oder Konzern: Als Unternehmen muss man Schwerpunkte setzen, sonst verkämpft man sich. GP Joule wird 2019 zehn Jahre alt. Wo setzen Sie in den nächsten beiden Jahren Schwerpunkte?

Petersen: Ein großer Schwerpunkt sind integrierte Energieprojekte. Das sind Projekte, die sich mit der klassischen Energieerzeugung, der Energieumwandlung bzw. -speicherung und der Energieverteilung beschäftigen – und das über alle Sektoren hinweg von der Kilowattstunde Strom bis hin zum gefahrenen Kilometer im Brennstoffzellenbus. Wir haben eine eigene Abteilung, die diese Projekte plant, Finanzierungsmodelle entwickelt und schlussendlich installiert. Wir entwickeln schon jahrelang solche integrierten Energiekonzepte. Mittlerweile können wir es für größere Erzeugungsanlagen oder für neue Nutzungskonzepte mit Mobilität machen. Wichtig ist, dass man in diesen Projekten alle Variablen kennt. Das heißt, Sie müssen sich mit Elektromobilität, Wasserstoffmobilität, mit der Wärmeversorgung und -entsorgung beschäftigen, mit der Energieproduktion und mit der Primärenergieproduktion aus Solar und Wind …

… Das System wird immer komplexer …

Petersen: Das stimmt. Wir sehen uns als Projektierer von solchen Projekten, die diese losen Enden alle zusammen verknüpfen aus den verschiedenen Sektoren und Geschäftsmodelle daraus entwickeln. Wir haben schon früh angefangen, uns damit auseinanderzusetzen und das ist unsere Stärke.

»Ein großer Schwerpunkt der nächsten Jahre werden integrierte Energieprojekte sein.«

— Ove Petersen, GP Joule

Gärtner: Wenn man über die Versorgung nachdenkt, dann gehört eben sehr viel dazu. Wir haben uns nach und nach immer weitere Sektoren erschlossen. Ein Gesamtsystem bietet immer größere Chancen, je mehr Möglichkeiten es bietet. Also immer, wenn ich einen zusätzlichen Zweig mit dazu baue und mich damit auseinandersetze und entsprechendes Know-how aufbaue, habe ich eine größere Chance, ein besseres Optimum zu finden.

Elektromobilität, Ladelösungen, stoffliche Umwandlung in speicherbares Gas: Das sind alles Expertenthemen, Laien kommen schnell an ihre Grenzen. Was bedeutet das für die Kommunikation, etwa bei einem Projekt, das der Zustimmung kommunaler Gremien bedarf? Oder kann man einfach die Zahlen sprechen lassen?

Gärtner: Die Erfahrungen in den Kommunen zeigen, dass man viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten muss. Die Zahlen alleine reichen nicht. Es ist nicht jeder so rational. Sondern es geht viel über ein Gefühl, das man erzeugen muss, um die Zahlen gewürdigt zu bekommen.

Was heißt das konkret?

Gärtner: Voraussetzung ist, dass sich ein Projekt rechnet. Das muss gewährleistet sein. Wir investieren häufig mit in diese Projekte, beispielsweise als Minderheitsbeteiligter. Das schafft Vertrauen, und damit finden wir Nachahmer für solche Projekte. Damit kann die Kommune sicherstellen, dass das Know-how an Bord bleibt und der langfristige Betrieb gewährleistet ist. Dadurch werden dann indirekt auch Kostenvorteile an die Bürger weitergegeben. Das schafft an vielen Stellen dann Akzeptanz für komplexe Projekte.

Herr Petersen, die Dena hat in einer Studie einen deutlichen Ausbau der Produktionskapazitäten für Elektrolyseanlagen gefordert. Bis 2030 sollen Anlagen für die H2-Herstellung im Umfang von 15 Gigawatt entstehen, heißt es. Vom Status quo aus gesehen sind diese Ziele mehr als ambitioniert. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie? GP Joule glaubt an den Wasserstoffmarkt; ein Tochterunternehmen ist der Elektrolysehersteller H-Tec Systems.

Petersen: Wir haben ja schon sehr früh in die Firma H-Tec Systems investiert. Was die Dena-Studie festgestellt hat, das ist uns schon lange klar. Investitionen, um die Kapazitäten auszubauen, hängen nicht von der Ausrichtung der Hersteller ab. Sondern vom politischen und regulatorischen Umfeld. Im Moment sind noch einige Barrieren im Weg, bis man grünen Wasserstoff konkurrenzfähig zu fossilem Wasserstoff aus Erdgas herstellen kann. Wir sind immer noch mit den Letztverbraucherabgaben konfrontiert, dazu gehören die EEG-Umlage, Netzentgelte, die Stromsteuer, die Offshore-Umlage und noch einige Abgaben und Steuern mehr. Wir haben ja das Problem, dass diese Abgaben anfallen, sobald ich den Stromsektor verlasse. Es gibt einige Möglichkeiten diese Abgaben zu reduzieren, aber zu guter Letzt sind die Summen der Abgaben höher als die eigentliche Stromproduktion, und da sehen wir den größten Knackpunkt, um die Wirtschaftlichkeit der Systeme im großen Stil durchzusetzen. Die Produktionskapazitäten für Wasserstoffelektrolyse kann man schnell aufbauen. Wir haben das Know-how, und Erfahrungen aus der PV-Industrie zeigen uns diese steile Lernkurve.

Gärtner: Der Engpass ist nicht im Material und nicht in der Produktionskapazität. Wir haben 2018 mit dem Bezug zweier neuer Standorte unsere Produktionskapazität ordentlich ausgebaut bei H-Tec Systems. Schon heute haben wir eine erste Serienfertigung. Noch sind die Stückzahlen klein; aber wir haben die nötige Technologie weiterentwickelt und Platz geschaffen, sodass wir uns zügig an die Nachfrage anpassen können.

VITA

Heinrich Gärtner

Gärtner (geb. 1972) ist Gründer von GP Joule und fungiert mittlerweile als CTO der Unternehmensgruppe mit einem Schwerpunkt auf Forschung & Entwicklung sowie Internationalisierung. Der gebürtige Bayer hat gemeinsam mit Ove Petersen an der FH Weihenstephan studiert.

Ove Petersen

Petersen (geb. 1974) ist Mitgründer von GP Joule und heute CEO der Unternehmensgruppe. Im Managementteam ist er für Personalentwicklung, Marketing, Vertrieb und Unternehmenskommunikation verantwortlich. Der Diplom-Agraringenieur mit Abschluss der FH Weihenstephan führt zudem ein landwirtschaftliches Unternehmen.

Woher stammen die Kundenanfragen in der Regel?

Gärtner: Die Hälfte kommt inzwischen aus dem europäischen und teilweise auch außereuropäischen Ausland. Im Vergleich sind die Marktbeschränkungen in Deutschland relativ hart. In anderen Ländern ist der Wechsel vom Strom- in den Wasserstoffmarkt nicht so dramatisch.

Herr Petersen, mit welchem Zeithorizont rechnen Sie bei E-Mobilität und H2-Mobilität? Zehn Jahre sind nicht mehr als ein Wimpernschlag, wenn es um den Umbau einer Infrastruktur geht. Siehe die Energiewende im Strombereich. Die heutigen Strukturen der Diesel- und Benzinmobilität wurden über Jahrzehnte auf- und ausgebaut.

Petersen: Bleiben wir bei dem Beispiel mit den zehn Jahren. Wir haben schon vor sieben oder acht Jahren in Wasserstoff investiert. Höchstwahrscheinlich sind dieses Jahr diese zehn Jahre um. Wasserstoff ist nicht mehr aufzuhalten. Genau wie die klassische Batterieelektromobilität. Die Märkte kommen jetzt. Es spielt keine Rolle mehr, ob sich heute noch ein deutscher Autohersteller Gedanken macht, ob er noch einen Diesel baut oder wirklich schon über eine Alternative nachdenken sollte.

Seit dem Dieselskandal wird vor allem über Personenfahrzeuge mit Dieselmotor gesprochen. Bei Nutzfahrzeugen ist der Dieselanteil fast bei 100 Prozent. Anfang Dezember haben Sie ein großes Modellprojekt für grüne H2-Mobilität in Nordfriesland bekannt gegeben namens ›E-Farm‹. Busse und PKW sollen Wasserstoff tanken, der mit Windenergie in der Region hergestellt wird.

Petersen: Richtig. Wir müssen es endlich schaffen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen der Windenergieerzeugung oder PV-Energieerzeugung und dem Energieverbrauch. Denn diesen Zusammenhang sieht der deutsche Bürger nicht. Man hat die erneuerbaren Energien ausgebaut; aber wenn zu viel da sind, schaltet man sie ab. Sie sind Nullkommanull integriert oder kommuniziert. Den Zusammenhang wollen wir jetzt mit diesem Projekt darstellen. Geplant ist, neben fünf Windkraftanlagen fünf Elektrolyseure aufzubauen: direkt daneben, weil das die Netzentgelte spart und wir so die Wirtschaftlichkeit verbessern. Der erzeugte Wasserstoff wird an zwei Wasserstoff-Tankstellen in Husum und Niebüll geliefert. Tanken sollen ihn zwei Busse, die mit in diesem Projekt finanziert werden und an den öffentlichen Nahverkehr-Betreiber zu den gleichen Kosten wie bei einem Dieselbus vermietet werden. Damit haben wir eine Initialzündung.

Gärtner: Ein Hauptgrund warum wir das so vorantreiben, ist unser fester Glaube daran, dass wir so viel, viel günstiger sind als mit jedem anderen System. Wir sind unglaublich flexibel. Das haben wir gezeigt bei der Energieerzeugung mit unseren PV- oder Windkraftanlagen. Die Kilowattstunde mit Windenergie ist unschlagbar günstig, gerade im Norden. Das gilt auch für regionalen Ansätze der Umwandlung ohne lange Transportketten, die Energie und Geld verschlingen.

»2018 haben wir bei H-Tec Systems unsere Produktionskapazität mit zwei neuen Standorten ausgebaut.«

— Heinrich Gärtner, GP Joule

Petersen: In der Förderakquise haben wir zeigen müssen, was für ein Bedarf in der Gesellschaft besteht. Wir haben einige Firmen und Bürger angesprochen, ob sie Interesse am Kauf von Wasserstofffahrzeugen haben, sofern es Tankmöglichkeiten gibt. Binnen zwei Wochen erhielten wir 60 Letter of Intent mit über 120 Fahrzeugen; das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Interesse ist groß und die Menschen im Norden sind affin für Wasserstoff – Mobilität. Denen ist die Problemstellung klar: Wind gibt es im Überschuss. Wir können die Energie daraus durch eine smarte Umwandlung in Wasserstoff für viel mehr Energiesektoren (Märkte) als nur für den Sektor Strom nutzbar machen.

Herr Gärtner, Sie sprachen eben davon, das GP Joule stets Anteile an Projekten hält. Im November gaben Sie eine Public-private-Partnership, kurz PPP, mit einer Gemeinde bei Regensburg bekannt. Gemeinsam betreiben Sie eine Wärmeversorgung aus erneuerbarer Energie. Wie sieht die Zusammenarbeit genau aus?

Gärtner: In Tegernheim haben wir über eine Analyse des Energiebedarfs und der Möglichkeiten vor Ort Zugang zu der Gemeinde gefunden. Auf Beschluss des Gemeinderates wird jetzt gemeinsam mit uns ein modernes Energiekonzept umgesetzt. Tegernheim ist nicht die erste Gemeinde, mit der wir das machen. Wir teilen uns die Anteile: meistens 55 Prozent für die Kommune und 45 Prozent GP. Aus beiden Welten wird das Beste zusammengepackt. Wir haben viel Erfahrung technischer Art, beim Projektmanagement, bei der Betriebsführung sowie bei den Möglichkeiten, wie das System im Ganzen optimiert werden kann. Auf der anderen Seite die Kommune, die die Versorgung ihrer Bürger hochhalten muss und schaut, dass nicht eine Art Monopolsituation entsteht.

Wie meinen Sie das?

Gärtner: Eine Monopolsituation würde dazu führen, dass zu hohe Kosten am Schluss bei den Bürgern aufschlagen. Die Kommune ist quasi der Chefkontrolleur dieser Kommunalwerke.

Herr Petersen, Herr Gärtner, Sie beide kennen sich seit der gemeinsamen Studentenzeit. Vertrauen ist die Grundlage für Erfolg, heißt es immer. Ist das auch Ihr gemeinsames Erfolgsrezept?

Petersen: Absolut. Wir kennen uns jetzt seit über 20 Jahren. Da hat man natürlich eine gute Vertrauensbasis. Was uns neben der Freundschaft immer wieder zusammenbringt, ist die Klarheit und die Logik für Herausforderungen am Markt. Wie wir beide die Gesellschaft und ihren nötigen Wandel einschätzen, ist ein ebenfalls wichtiger Punkt bei uns. Wir haben eines gelernt: Die längste Kooperation ist die unter uns. Das macht unseren Erfolg mit aus. Es heißt ja auch nicht G Joule oder P Joule, sondern GP Joule.

Gärtner: Die Freundschaft basiert auf einem riesengroßen Vertrauen, das wir gegenseitig haben. Da muss man sich keine Gedanken machen, mit welcher Taktik man weiterkommt. Sondern wir wissen, dass wir gemeinsam die gleichen Ziele verfolgen. Das eint uns. Über die Jahre haben wir natürlich unsere Stärken und Schwächen kennengelernt. Die unterscheiden sich durchaus. Jeder schätzt die Stärken des anderen und kennt die eigenen Schwächen. Das macht die Zusammenarbeit auf Dauer möglich. Wenn man so jemanden findet, ist das schon ganz gut. Auch für die eigene Entwicklung.

Vielen Dank für das Gespräch. hd

Erschienen in Ausgabe: Nr. 01/2019