Netzausbau: Make it or buy it?

Tempo, Tempo, Tempo: Das ist das Ziel des Netzausbaubeschleunigungsgesetzes. Netzbetreiber sind mehr denn je gefordert, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Um Überforderung zu vermeiden, braucht es vorausschauendes Risikomanagement. Welche Strategie sollten die Unternehmen dabei verfolgen? Das und mehr war Thema eines Round Table von Energiespektrum und Omexom in Berlin.

06. September 2019

Der Ausbau des bundesweiten Übertragungsnetzes ist ein Großprojekt der Energiewende. Im ersten Halbjahr gab es politisch und regulatorisch wichtige Weichenstellungen, weitere sollen bis Jahresende folgen. Im April ist das Netzausbaubeschleunigungsgesetz verabschiedet worden. Im Herbst will die Bundesnetzagentur die Korridorfestlegung für den Suedlink vorlegen. Die Leitung gehört zu einer Reihe von Neu- und Ausbauprojekten bei Transnet BW. Herr Götz, das Nabeg liegt auf dem Tisch, Wie ist Ihre erste Einschätzung? Wird es dem Namen gerecht?

Dr. Werner Götz, Transnet BW: Wir begrüßen dieses Gesetz. In der Tat brauchen wir Beschleunigung. Das Gesetz adressiert einige für uns wichtige Facetten. Zum Beispiel der vorzeitige Baubeginn für reversible Maßnahmen kann dazu beitragen, dass wir Projekte schneller realisieren. Die zweite Facette, die wir sehr begrüßen, ist die Ratenzahlung bei Entschädigungen. Die ist jetzt limitiert auf Entschädigungszahlungen größer 10.000 Euro. Das wird uns helfen.

Können Sie das genauer beschreiben?

Götz: Ich mache es mal am Beispiel Suedlink fest. Wir haben dort 50.000 Grundstückseigentümer. Das ist eine immense Herausforderung bei Logistik, Management und Umsetzung. Wenn man da mit jeweils drei Raten hantieren hätte müssen, verdreifacht sich der Aufwand. Verdient das Gesetz den Namen? Ich glaube schon. Die Politik gibt mit diesem Gesetz ein symbolisches Zeichen zum Willen zur Beschleunigung.

Der Schlüssel für Akzeptanz in der Bevölkerung ist diese Eindeutigkeit in der Zusicherung der Politik. Auf Bundes-, Landes- und Regionalebene. Lässt sich jetzt in Monaten eine Beschleunigung ausrechnen? Wahrscheinlich nein. Perspektivisch ist es ein deutliches Signal.

Herr Knebel, Omexom befasst sich seit über 100 Jahren mit Hochspannungs-Freileitungsbau und Kabelanlagen. Teilen Sie die Einschätzung von Herrn Götz?

Dr. Friedrich Knebel, Omexom: Im Fußball sagt man: Wichtig ist auf´m Platz. Das Lesen des Gesetzes allein wird nicht helfen. Wie werden wir es leben? Das ist wichtig. Wir müssen jetzt in den ersten Projekten sehen, mit welcher Beschleunigung wir rechnen können. Primär werden unsere Auftraggeber, die Netzbetreiber (TSO) die Folgen des neuen Gesetzes spüren. Grundsätzlich ist das Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht ist es nicht der letzte, der noch gegangen werden muss.

Im Netzentwicklungsplan der Bundesnetzagentur wird mit Circawerten gearbeitet. Wie geht Transnet BW damit bei der Projektplanung um? Circawerte bedeuten immer Grauzonen oder Unsicherheiten.

Götz: Der Netzentwicklungsplan 2030 in der zweiten Entwurfsfassung unterstellt eine Umsetzung bis 65 Prozent der Erneuerbaren-Anteile bis 2030. Wir haben dort faktisch eine Verdoppelung der Erzeugungskapazität von heute knapp 112 auf 220 Gigawatt mit weiterhin relativ starken Ausprägungen von Wind on- und offshore in Norddeutschland; folglich entsteht damit ein deutlich stärkeres Transportbedürfnis als wir heute schon haben.

Der Netzentwicklungsplan schlägt einen Netzausbau von 11.000 Kilometer vor.

Götz: Richtig. Das ist eine riesige Herausforderung. Jetzt steht ein Stück weit immer im Raum, dass die Netzbetreiber ihr Netz zu stark ausbauen. Mit den 11.000 Kilometern liegen wir meiner Ansicht nach am unteren Ende dessen, was erforderlich ist. Aktuell unterstellen wir 20 Prozent Effizienzsteigerung und damit Kapazitätssteigerung im Bestandsnetz bis 2030.

Gelebte Praxis im Bereich 380 kV ist zum Beispiel das tagtägliche Stakeholder- Management.

— Dr. Friedrich Knebel Omexom

Ferner unterstellen wir Innovationspotenzial von circa sechs GW, die wir nicht hinterlegt haben. Wenn Sie so wollen ist das ein ungedeckter Scheck. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass bis 2030 Technologien weiter vorangetrieben werden. Sodass wir nicht davon ausgehen, dass wir jede Kapazität, die wir im Übertragungsbereich sehen, wirklich über Netzausbau darstellen müssen. Zu Ihrer Frage: Bei jedem Projekt stehen wir vor einem langen Genehmigungsprozess, der in der zeitlichen Abfolge für uns schwierig planbar ist. In Deutschland haben wir einen sehr toleranten Rechtsrahmen; das Individualrecht ist stark hinterlegt. Vor dem Hintergrund wirkt neben der Komplexität der Genehmigung auch die Komplexität der Rechtsprechung auf die Zeitachse. Das ist für uns eine Herausforderung, weil es im Detail gilt, Ressourcen zu allokieren. Das ist für die gesamte Wertschöpfungskette das gleiche Problem. Unsere Partner dort müssen Ressourcen vorhalten. Es gilt, ein dezidiertes Projektmanagement aufzusetzen. Für uns kommt dazu, dass wir durch die Vielzahl der Projekte neben der Ressourcenallokation die elektrotechnische Planung machen müssen. Die Projekte sind mittlerweile in der Komplexität so hoch, weil wir die Parallelität so hoch haben. Wir bauen in Baden-Württemberg mehr oder weniger jeden Leitungskilometer um von 220 auf 380 kV und wir tun das faktisch ohne, dass der Netzkunde was davon merken soll. Ich nutze gerne das Bild von der Autobahn. Wenn Sie auf der Autobahn eine Baustelle sehen, was passiert da? Sie kriegen eine Geschwindigkeitsreduktion, eine Spurverengung oder müssen runter von der Autobahn. Im Stromnetzbereich gibt es dies nicht.

Wie lösen Sie das?

Götz: Die Lösung ist ein Aufbau einer deutlich stärkeren verzahnten Mehrebenenplanung. Im Außenverhältnis zu den Lieferanten fahren wir eine möglichst hohe Transparenz. Ich kann nicht erwarten, dass die jederzeit abrufbar bereitstehen. Knebel: Der typische Leitungsausbau heute ist nicht ein Neubau auf einer blanken Trasse. Sondern es ist oftmals eine Verstärkung der Leitung auf der gleichen Spur. Die Monteure arbeiten in der Nähe von Höchstspannung. Das muss uns bewusst sein. Es ist Arbeit für erfahrene Spezialisten. Wir müssen die Kollegen heranführen an diese Aufgabe. Damit sie sich in dem Umfeld wohlfühlen und keine Fehler machen. Weder zum eigenen Schaden noch zum Schaden ihres Umfeldes. Daher ist mehr Transparenz absolut zu begrüßen.

Der Suedlink wird als HGÜ-Erdkabel verlegt, ein weltweit einzigartiges Projekt. Es ist Neuland für viele Beteiligten. Herr Knebel, Omexom gehört zur Vinci-Gruppe, die weltweit mehr als 200.000 Mitarbeiter hat. Hilft Ihnen die Internationalität des Mutterkonzerns, wenn es gilt, Ressourcen in Form von Mitarbeitern und Know-how für Projekte zusammenzustellen?

Knebel: Ja. Die Vinci-Gruppe ist der größte private Baukonzern. Wir haben verschiedene Schwestergesellschaften, die Fähigkeiten wie Tiefbau und ähnliches beherrschen. Kabeltransporte für eine HGÜ-Kabeltrasse werden mehr als 100 Tonnen Gewicht haben und müssen etwa jeden km der Trasse erreichen. Solche Transporte gibt es sonst kaum. Man muss es klar sagen. Die dafür nötige Organisationsfähigkeit können wir vorhalten. Aber eben nur als Gruppe. Aktuell arbeiten wir mit französischen Kollegen zusammen, um solche Fragen zu beantworten. Das ganze planerische Know-how für den Leitungsbau halten wir natürlich in Deutschland vor. Aktuell bauen wir für verschiedene TSOs 380-kV-Leitungen. Dabei konnten wir unser internationales Netzwerk nutzen aus Frankreich, Portugal, Italien und Tschechien. Das ist die Stärke des Netzwerkes: the network is the company.

Nehmen wir mal an, die Teilstrecke eines Projektes ist zu errichten. Wie muss man sich Ihr Tagesgeschäft vorstellen?

Götz: Von der zeitlichen Chronologie ist es ja so, dass wir ein hohes Eigeninteresse haben, die Energiewende schnell umzusetzen. Das heißt, wir arbeiten nicht sequenziell, sondern verzahnt und vorgezogen. Siehe Suedlink. Wir sind letztes Jahr gestartet mit ersten Ausschreibungen. Das erste Los war das Kabellos. Wir rechnen mit der Planfeststellung 2022. Das heißt, wir starten vier Jahre vorher mit den Ausschreibungen. Warum? Wenn wir das sequenziell machen würden, kämen wir zu Inbetriebnahmeterminen, die nicht darstellbar wären. Damit ist man im Dialog mit den Lieferanten. Erkenntnisse, die der Lieferant im Angebotsstadium oder in der Vertragsverhandlung in Bezug auf technische Lösungen gibt, können ins Genehmigungsverfahren einfließen. Zudem arbeitet es sich damit deutlich effizienter. Das setzt auf allen Seiten aber Vertrauensverhältnis voraus.

Unser Expertengespräch steht unter der Überschrift Make it or buy it? Wie antworten Sie darauf?

Götz: Make it or buy it würde ja bedeuten, wir sehen für diese Großprojekte eine Chance, schlüsselfertig zu beauftragen. Die sehen wir in wesentlichen Bereichen aktuell nicht.

Heißt was?

Götz: Nehmen Sie zum Beispiel den Suedlink. Dort gehen wir aktuell von einer Investitionssumme von rund 10 Milliarden Euro aus. Jeweils 50 Prozent Tennet und wir. Wäre ein Partner bereit, ein Investitionsvolumen in dieser Dimension zu schultern? Nein. Also strukturiert man das Projekt in Dimensionen und Größenordnung der Lose, sodass am Ende eine vernünftig teilbare Struktur entsteht. Die Konsequenz daraus ist, dass wir das Projektmanagement selber aufbauen müssen, um Lose zu synchronisieren und zu orchestrieren. Das heißt, wir haben uns im Grundsatz für einen Mittelweg entschieden. Das grundlegende Projektmanagement stellt Transnet BW im eigenen Haus. Wenn möglich, schreiben wir funktional aus. Damit hat der Lieferant einen relativ breiten Freiheitsgrad.

Mit 11.000 km Netzausbau liegen wir am unteren Ende dessen, was erforderlich ist.

— Dr. Werner Götz Transnet BW

Damit sollte es möglich werden, die im Markt verfügbare Kompetenz einsetzen. Ohne im übergelagerten Projektmanagement Verantwortung aus der Hand zu geben.

Knebel: Dr. Götz hat gesagt, dass letztlich gar kein Markt dafür da wäre, ein Projekt wie Suedlink als Gänze rauszugeben. Das ist zweifellos richtig. Kernproblem der Branche ist, dass wir nicht genug Leute haben, um alle Projekte abzuarbeiten. Wir müssen das behutsam entwickeln.

Das können wir nur partnerschaftlich machen. Wir haben zum Beispiel entschieden, dass wir uns operativ in der Planung verflechten. Eine Kollegin von uns ist bei Transnet BW anwesend, um das gegenseitige Verständnis zu verstärken.

Wird man damit leben müssen, dass auf der politischen Ebene und im öffentlichen Diskurs immer wieder Geschwindigkeit im Netzausbau verlangt wird, während auf der praktischen Ebene schlechterdings nicht mehr Tempo möglich ist? Wird das ein Dauerzustand?

Knebel: Man spricht in der Psychologie von kognitiver Dissonanz. Wir müssen akzeptieren, dass alle miteinander eine gesellschaftliche Aufgabe haben. Sprich an der alle miteinander arbeiten müssen. Das heißt, es ist künftig viel mehr Kommunikation nötig, damit diese Kluft, von der Sie sprechen, nicht noch weiter auseinandergeht. Wir als Branche haben eigentlich genug damit zu tun, die Physik beziehungsweise das Umfeld zu beherrschen. Ein gesellschaftlicher Konsens wäre wünschenswert, damit es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt.

Götz: Primär brauchen wir Planbarkeit und Stabilität im Rahmen. Planbarkeit, weil wir zeitrichtig unsere eigenen Ressourcen planen können. Stabilität im Rahmen, weil wir über massive Investitionen sprechen, die Stabilität im Regulatorischen und Finanzierungsrahmen bringen. Mein Wunsch an die Politik lautet: Helft uns, Planbarkeit zu realisieren und Stabilität im Rahmen zu schaffen.

Was heißt das konkret übersetzt in die Projektarbeit?

In einigen anderen Bundesländern funktioniert es nicht, weil sich die Landesregierung gegen den Netzausbau positioniert. Dann stehen wir auf verlorenem Posten. Dann ist keine Vertrauensbasis in der Bürgerveranstaltung da.

Herr Knebel, für Spezialisten wie Omexom ist Deutschland sicherlich der größte Markt in Europa. Kein europäisches Land hat einen derartig hohen Netzausbaubedarf. Zugleich gibt es hier zahlreiche Besonderheiten, Projekte verzögern sich wegen Rechtsstreitigkeiten um Jahre und ähnliches. Wie gehen Sie damit um bei der Projektarbeit?

Knebel: Wir lösen das im Wesentlichen dadurch, dass wir unseren regulatorischen Punkt ein Stückweit länderübergreifend angehen. Wir haben Baustellen in Deutschland, Belgien, Österreich und Italien. Der andere Ansatz ist eine möglichst große Organisation bezogen auf die Projekte zu haben. Damit das Projekt nicht mehr oder weniger eine gesamte Organisationszeit absorbiert. Wir haben darauf reagiert, indem wir Organisationseinheiten zusammengelegt haben, um handlungsfähig zu sein bei großen Projekten. Aus Erfahrung wissen wir, dass es immer wieder zu unvorhergesehenen Stopps kommt.

Zum Beispiel wodurch?

Knebel: Zum Beispiel weil eine lokale Behörde die Arbeit in der Nähe einer bestimmten Heckenart untersagt. Unsere Mitarbeiter erreichen dann nicht den Mast, der hinter der Hecke steht. Da kann diese Hecke unter Umständen ein 70-Millionen-Euro-Projekt, welches dringend benötigt wird, welches Folgekosten hat für Redispatch und Ähnliches, auf unbestimmte Zeit verzögern. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Die Behörde macht ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Aber es muss ein gewisses Grundeinverständnis da sein für den Netzausbau. Das eine oder andere Beispiel zeigt, dass das geht. hd

WISSEN KOMPAKT

Netzentwicklungsplan

50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW haben im April den zweiten Entwurf des Netzentwicklungsplans (NEP) 2030, Version 2019, der Bundesnetzagentur übergeben.

Demnach sind über die Maßnahmen des Energieleitungsausbaugesetzes (EnLAG) und des Bundesbedarfsplans (BBP) hinaus im Szenario A 2030 rund 2.750 km an Netzverstärkungen auf Bestandstrassen erforderlich.

In den Szenarien A und B 2030 sind darüber hinaus 1.600 km an Neubau-Maßnahmen erforderlich.

Im Szenario C 2030 sind rund 3.250 km an Netzverstärkungen und rund 1.700 km an Netzausbaumaßnahmen erforderlich.

Die Übertragungskapazität der DC-Verbindungen beträgt in allen Szenarien für das Jahr 2030 insgesamt 12 GW.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 5 bis 28