Clever kombiniert

Hannover Messe – Die Energiewende kommt langsam aber sicher auch in den Sektoren Wärme und Verkehr in Gang. Auch dank der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt. Die Leitmesse Integrated Energy zeigt das Beste aus beiden Welten.

25. März 2019
Abstract Battery Charging Icon form lines and triangles, point connecting network on blue background. Illustration vector

Diesel-Urteil, Klimagipfel, Kohleausstieg: Binnen eines Jahres hat sich der Druck deutlich erhöht, die Energiewende zu einer Erfolgsgeschichte made in Germany zu machen. Dabei kommt es weniger auf das Tempo an als auf das Konzept. Seit Jahren ist die Energiewende im Kern eine Stromwende. Wärmeerzeugung und Verkehrswesen beruhen bis dato nur zu bescheidenden Anteilen auf erneuerbaren Energien.

Künftig gilt es, die nötigen Energiemengen in diesen Sektoren ausschließlich mit Strom zu erzeugen, sagen einige Experten. Im Gegensatz dazu favorisieren andere Experten einen Technologiemix, um die Dekarbonisierung voranzubringen. Beide Seiten setzen darauf, dass die drei Sektoren Strom, Wärme und Verkehr künftig fließende Übergänge haben.

Sektorübergreifender Austausch

Das führt zu Austausch untereinander und letztlich zu dem, was quasi die Basis für jede erfolgreiche Energiewende sein muss: zeitgemäße, weil integrierende Strukturen. Die gibt es in Deutschland immer noch zu wenig, da sind sich die meisten Experten einig. Hier der Bedarf nach struktureller Veränderung, dort die Digitalisierung, die weltweit die Arbeitswelt verändert: Betrachtet man beide Entwicklungen nicht isoliert, sondern als zwei Seiten einer Medaille, könnte das zu einer Blaupause für eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland und weltweit werden. Die Chancen stehen gut. So sehen das auch die Organisatoren der Hannover Messe, die für die fünftägige Veranstaltung im April in der niedersächsischen Landeshauptstadt das Profil der Leitmesse Integrated Energy ganz auf das Zusammenwachsen der Sektoren im Zeitalter der Digitalisierung ausgerichtet haben.

Fakt

DC-Industrie

Das Forschungsprojekt der deutschen Elektroindustrie untersucht, inwieweit eine Stromversorgung industrieller Anlagen über ein smartes, offenes Gleichstromnetz neu zu gestalten und wie die industrielle Energieversorgungsarchitektur zu digitalisieren ist. Wie die Gleichstrom-Technologie im Einzelnen funktionieren soll, wird in Halle 12 im Rahmen der Integrated Energy für alle Besucher zu sehen sein. hd

»Es gibt viele Anbieter auf der Messe, die eindrucksvoll zeigen, welche technologischen Möglichkeiten es bereits heute gibt, Strom aus erneuerbaren Energien erfolgreich in die Bereiche Wärme und Mobilität zu transformieren«, sagt Arno Reich, Geschäftsbereichsleiter Hannover Messe. Dabei stehen die Themen Kraft-Wärme-Kopplung sowie Wasserstoff und Brennstoffzellen im Mittelpunkt, so Reich.

Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der zunehmenden Möglichkeit der Eigenerzeugung von Strom und Wärme ist der Umbau des Energiesystems unumgänglich geworden. Nur so können Stromnetze in Spitzenzeiten entlastet werden. Auf der Integrated Energy werden neue Sektoren übergreifende Ideen wie integrierte Strom-Wärme-Konzepte für die Industrie gezeigt oder Lösungen für die Umwandlung von Wind- und Solarstrom in Wasserstoff und Methan (›Power to Gas‹) beziehungsweise flüssige Kraftstoffe (›Power to Liquids‹).

Power to Gas

Der Bedarf ist enorm, in Niedersachsen gibt es jetzt Planungen für den Bau von zwei Power-to-Gas-Anlagen mit einer Kapazität von je 100 MW. In Schleswig-Holstein arbeitet Aussteller GP Joule am Aufbau einer Verwertungskette von Windstrom; das Unternehmen lässt Elektrolyseure und Wasserstofftankstellen installieren für den CO2-freien Personennahverkehr mit Bussen. »In Nordfriesland wird durch das Projekt eine Versorgungssicherheit für regional erzeugten Wasserstoff hergestellt«, so GP JOule in einer Mitteilung. Zielgruppe sind Bürger und Unternehmen, die sich ein Wasserstoff-Fahrzeug anschaffen wollen. Für die Errichtung von fünf Wasserstoffproduktionsstandorten und die Anschaffung von H2-Bussen und Autos bewilligte das Bundesverkehrsministerium Ende 2028 eine Investitionsförderung.

Partnerland Schweden

Partnerland der Messe ist in diesem Jahr Schweden. Das trifft sich gut, denn anders als Deutschland hat das Land die Umstellung auf Smart Meter bereits geschafft. Das komme der raschen Weiterentwicklung von Smart-Home-Applikationen, intelligenter Netzüberwachung und E-Mobilität zugute, sagt Arno Reich.

Der Wandel im Energiebereich ist auch für das Partnerland Schweden ein Thema. Den Angaben zufolge sind für das Land Flexibilisierung und Digitalisierung die Schlüssel zur Umstellung des Energiesystems auf 100 Prozent erneuerbare Energie.

Mit deutlich mehr als 84.000 Besuchern zählt der Energiebereich seit Jahren zu den stärksten Säulen der Hannover Messe. In diesem Jahr präsentieren mehr als 1.100 Unternehmen ihre Lösungen auf der Integrated Energy. Diese reichen von der Erzeugung und Übertragung über die Speicherung und intelligente Verteilung bis hin zum digitalen Management von Energie. Auch Mobilitätstechnologien sind fest integriert. Denn die Verkehrswende gelingt nur, wenn die nötige Infrastruktur existiert.

Es wird Versorgungssicherheit für regionalen Wasserstoff hergestellt.

— GP Joule

Im zweiten Halbjahr 2018 gab es bundesweit einen Zuwachs von 20 Prozent auf über 16.100 Autostrom-Ladepunkte. In München ist es in der Zeit sogar gelungen, die Anzahl der Ladepunkte um 78 Prozent zu steigern. Das ergab das Städte-Ranking des BDEW-Ladesäulenregisters.

Infrastruktur für die Verkehrswende

»2019 wird ein sehr spannendes Jahr«, sagt Alfred Vrieling, Head of Sales beim Steckerspezialisten Mennekes. »Der amerikanische Hersteller Tesla wird mit seinem Modell 3 auf den deutschen Markt kommen, dann wird sich zeigen, was passiert.« Wenn die Elektromobilität durchstarte, sei das Unternehmen auf jeden Fall dabei, so Vrieling.

Mennekes hat seinen Stand in Halle 27, wo die Messegesellschaft das Thema Mobilität mit Strom, Erdgas oder Wasserstoff konzentriert hat. Dazu gehört auch der Ausstellungsbereich Hydrogen & Fuel Cells Europe mit mehr als 150 Ausstellern aus 20 Nationen. Den Angaben zufolge ist der Bereich Europas größte Messeplattform zu Wasserstoff, Brennstoffzellen und stationäre Batterien. Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Speicherung regenerativ erzeugter Energie durch die Produktion von Wasserstoff.

Teil des Ausstellungsbereichs sind auch zwei Foren, wo Aussteller und Besucher über die technologischen und wirtschaftlichen Aspekte der Wasserstoff- und Brennstofftechnologien ins Gespräch kommen können.

Ob in der industriellen Produktion, ob im Gebäudebereich oder in der Mobilität: Die Digitalisierung hat im Bereich Energiemanagement noch nicht das bewegt, was potenziell in ihr steckt, sagen Experten.

Digital Energy

Halle 12 steht ganz im Zeichen intelligenter Energieanwendung. Unter dem Sammelbegriff Digital Energy präsentieren Unternehmen aus Deutschland und aller Welt, wie die Digitalisierung die gesamte Energiewirtschaft verändern wird. »Heutiges Energiemanagement ist weit mehr als nur das digitale Erfassen oder Visualisieren von Daten. Eine professionelle Energiemanagement-Software muss auch alle angrenzenden Prozesse wie beispielsweise das Facility-Management digitalisiert einbinden können«, sagt Anna Brunckhorst vom Aussteller Ing Soft aus Nürnberg.

Erstaussteller Grid X aus München will nichts Geringeres als die Energieversorgung revolutionieren, wie es Simon Poos von Grid X ausdrückt. Das Jungunternehmen zeigt in Hannover die Grid Box, deren Software im Zusammenspiel mit einer Cloud in der Lage ist, täglich Millionen Datenpunkte zu verarbeiten und damit dezentral hilft, optimale Eigenverbräuche selbst erzeugten Stroms zu generieren.

hd

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 4 bis 15