Energieprojekt

Mit hohem Druck

Der russische Gaskonzern Gazprom setzt das Gasleitungsprojekt Nord Stream 2 in der Ostsee mit Hochdruck um. 2019 ist nach wie vor die geplante Inbetriebnahme. US-Sanktionen sollen das jedoch verhindern.

08. April 2019
Mit hohem Druck
(Bild: Nord Stream 2 / Axel Schmidt)

Die aktuelle Sanktionsspirale in der Weltpolitik verfolge ich mit einem sehr unguten Gefühl«, erklärte Uniper Vorstandschef Klaus Schäfer. Uniper gehört zu den fünf europäischen Energieunternehmen, die im April 2017 mit Gazproms Schweizer Pipelinetochter Nord Stream 2 ein Finanzierungsabkommen schlossen. Wie Österreichs Mineralölkonzern OMV, der britisch-holländische Öl- und Gasmulti Shell, Frankreichs Engie und der deutsche Gasimporteur Wintershall verpflichtete sich Uniper, 950 Mio. Euro beizusteuern. Die Hälfte des 9,5 Mrd. Euro teuren Ausbauprojekts in der Ostsee übernimmt die Konzernmutter Gazprom selbst.

Ein Gesetzentwurf von US-Senatoren sieht Sanktionen gegen Unternehmen vor, die in ausländische Energieprojekte von russischen staatlichen und halbstaatlichen Konzernen 250 Mio. US-Dollar investieren. Ein Zeitraum für das Investitionsvolumen ist nicht genannt. Schäfer hofft »auf eine schnelle Einsicht aller Beteiligten, dass es immer besser ist, auch wieder zu deeskalieren« und bekräftigte: »Im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf unser finanzielles Engagement beim Projekt Nord Stream 2 analysieren wir laufend die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen.

Klar ist: Wir halten weiterhin an unseren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Nord Stream 2 fest, von dessen energiepolitischer Sinnhaftigkeit für Deutschland und Europa wir vor dem Hintergrund der rückläufigen Erdgasproduktion in Europa überzeugt sind.« Das Projekt Nord Stream 2 sei für die nächsten Dekaden und damit immer auch ein Stück unabhängig von den aktuellen Entwicklungen. Deswegen geht Schäfer fest davon aus, dass es auch realisiert wird. Mit einem Baustopp aufgrund von Sanktionen rechnet auch Projektbetreiber Nord Stream 2 nicht. Im Sanktionsgesetz Caatsa mit einem Zusatz vom Oktober 2017 seien Vereinbarungen, die vor in Kraft treten dieses Gesetzes getroffen wurden, ausgenommen. Das »betrifft alle wesentlichen Projektverträge sowie die Finanzierungsvereinbarungen mit den westlichen Investoren«, sagt Unternehmenssprecher Steffen Ebert im August. »Im Flachwasser des Greifswalder Boddens sind aktuell 10 Kilometer verlegt.« Ende Juli habe ein Spezialbauschiff die Arbeiten zur Anbindung des Anlandebereichs an die Offshore-Pipeline aufgenommen. Bis Ende 2019 sollen die zwei geplanten Stränge zu je 1.230 Kilometer Rohrlänge weitestgehend parallel zur bestehenden Nord-Stream-Pipeline fertig sein.

»Ich hoffe auf eine schnelle Einsicht. Es ist immer besser, auch wieder zu deeskalieren.«

— Klaus Schäfer, Uniper

Baumassnahmen an der Trasse

Dadurch verdoppelt sich die jährliche Transportkapazität in der Ostsee auf 110 Mrd. Kubikmeter im Jahr. Der Startort an der russischen Ostseeküste liegt nahe der Grenze zu Estland. Liegen alle nötigen Bau- und Betriebsgenehmigungen aus Russland, Finnland, Deutschland und Schweden inzwischen vor, laufen in Dänemark parallel noch Genehmigungsverfahren für zwei mögliche Routen zum Passieren der Ostseeinsel Bornholm. Die erste Route führt südlich von Bornholm durch dänische Hoheitsgewässer. Den Antrag für die zweite Route reichte Nord Stream 2 im August ein. Sie passiert die Insel nordwestlich durch die ausschließliche Wirtschaftszone und unterliegt dem internationalen Meeresrecht.

»Nord Stream 2 bevorzugt nach wie vor die im April 2017 beantragte optimale Route, die Ergebnis der Abstimmung mit dänischen Behörden im ersten Nord-Stream-Projekt war«, so Ebert. Dänische Verfahrensweisen sähen einen Zeitraum von acht bis zwölf Monaten vor. Am 5. September informierte Nord Stream 2 über die Aufnahme der Verlegearbeiten im Finnischen Meerbusen.

Baubetrieb auf dem Festland

Ebenso sind vorbereitende Maßnahmen am Startpunkt in Russland angelaufen. In Deutschland laufen an der rund 480 Kilometer langen Trasse der europäischen Anbindungsgasleitung Eugal seit August in Brandenburg und seit September in Sachsen Bauarbeiten. Fernleitungsnetzbetreiber Gascade will den ersten Strang bis Ende 2019 und den zweiten Strang bis 2020 fertigstellen. Eugal soll das Gas von Nord Stream 2 bis an die tschechische Grenze und an die Westanbindung Jagal weiter transportieren. In Russland wird zugleich alles getan, um künftig noch mehr Gas vom neuen Förderzentrum auf der nordsibirischen Halbinsel Jamal auf kürzestem Weg nach Europa transportieren zu können. Die Nordtrasse gilt bei Gazprom dabei als die kürzeste und kostengünstigste Exportverbindung mit Europa.

Transitfrage und Sanktionsgefahr

Der Export und Transit über die Zentraltrasse und die Ukraine nach 2019 ist für Russlands Präsidenten Wladimir Putin dennoch weiter eine Option, sofern es sich rechnet. Dies erklärte er erneut auf seinem Besuch bei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Schloss Meseberg. Sowohl Merkel als auch der amerikanische Energieminister Rick Perry setzen sich für den Erhalt des Transits über die Ukraine ein. »Ich hoffe, es ist allen klar: Die Sanktionen gegen Nord Stream 2 stehen in erster Linie im Zusammenhang mit dem Transit durch die Ukraine«, brachte es Perry in einem Interview mit der russischen Wirtschaftszeitung Kommersant Mitte September nach dem Treffen mit seinem Amtskollegen Alexander Nowak in Moskau auf den Punkt. Außer Deutschland und Österreich hätten die Mitglieder der Europäischen Union ihm gegenüber geäußert, dass sie Alternativen zu Nord Stream 2 wollen, ob es sich dabei um Flüssigerdgas aus den USA oder um die Transadriagasleitung Tap handele.

Auf ihrer Kaukasusreise im Sommer würdigte Merkel die Fortschritte und Bedeutung des südlichen Gaskorridors inklusive Tap für Europa, über den ab 2020 10 Mrd. Kubikmeter Gas aus Aserbaidschan bis nach Italien transportiert werden sollen.

Andererseits verwies Merkel vor Studenten in der georgischen Hauptstadt Tiflis laut Medien auch darauf: »Aserbaidschan ist natürlich das Land, von dem wir Gas bekommen können, aber offen gesagt, ist es nicht möglich, dieses Gas zum gleichen Preis zu erhalten wie russisches Gas.« Auch für Europa sei Gas aus Russland günstiger als aus einem anderen Land.

»Die Sanktionen stehen in erster Linie im Zusammenhang mit dem Transit durch die Ukraine.«

— Rick Perry, US-Energieminister

»Ich halte Nord Stream 2 für sinnvoll und wichtig, weil die Pipeline die Versorgungssicherheit in Deutschland und in der EU erhöht. Das Projekt hilft, die rückläufige europäische Förderung zu kompensieren und den Markt insgesamt robuster zu machen. Es handelt sich um ein solide geplantes Projekt, das diese Zielstellung unterstützt. Generell benötigen wir mehr Erdgas, um die Ziele der Energiewende möglichst schnell, kostengünstig und sozialverträglich zu erreichen. Grundsätzlich gilt deshalb: Jede Infrastruktur, mit der wir Gas nach Europa bringen können, ist zu begrüßen«, beschreibt Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG, seine Sicht der Dinge.

Sollte es in der Ostsee zu Verzögerungen kommen, ist dies für Gazprom nicht neu. So trat nach dem Stopp des Gasleitungsprojektes South Stream im Schwarzen Meer Turkish Stream auf den Plan. Der zweite Leitungsstrang wird gerade von der russischen Schwarzmeerküste an den westtürkischen Bosporus verlegt.

Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: 08/2018